Interview mit Felix Schwenzel zum Astra-Test: „Aufregen ist eine Triebfeder des Bloggens“
Veröffentlicht am 14. Juni 2006 um 10:01 Uhr von Mark Pohlmann
Mark Pohlmann: Felix, vielen Dank für die Möglichkeit, mit Dir über das Astra.Blogg zu sprechen. Du und drei weitere Blogger haben vier Wochen jeweils einen Opel Astra zum Testen bekommen. Als Gegenleistung habt Ihr über Eure Erfahrungen gebloggt. Wie Du den Wagen findest, kann man hier ausführlich nachlesen. Wie zufrieden bist Du selbst mit dem Autotest?

Felix Schwenzel: Insgesamt bin ich zufrieden, denn ich habe ein Auto und Sprit kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen und ein Thema zum Schreiben. Andererseits hasse ich das Autofahren. Don Dahlmann hat das schön zusammengefaßt: Lauter gehetzte Irre auf den Autobahnen. Ich habe die Gelegenheit genutzt und bin an Orte gefahren, an denen ich schon lange nicht mehr war und wo ich schon länger mal wieder hin wollte. Das war befriedigend. Der Alltag mit dem Auto in Berlin und Hamburg war weniger befriedigend.
Wie zufrieden ist Opel mit dem Test?
Keine Ahnung. Ich habe mir auch von Anfang an vorgenommen, mir darüber keine Gedanken zu machen. Auch wenn das hier und da steif und fest behauptet wird - ich blogge nicht für Opel, sondern, so wie immer, für irgendwen, irgendwelche Leute die ich zum großen Teil nicht kenne und die mein Blog lesen. Offensichtlich ist also noch Raum für weitere Interviews: mit Orangemedia, mit UniversalMcCann und Opel.
Viele Blogger und Leser haben sehr emotional auf euer Engagement reagiert. Kritisiert wurde, wie schnell Ihr als unabhängige Blogger zu käuflichen Werbeträgern mutiert seid. Du und Deine schreibenden Co-Tester mußten sich als "korrumpierte Rosettenlutscher" beschimpfen lassen. War Euch bewußt, wie stark ihr mit eurer Aktion polarisiert? Oder war dies Teil des Konzeptes?
Das Wort „Rosettenlecker“ kam ursprünglich von der Schwadroneuse. Ich habe die Beschreibung dankbar aufgegriffen für Leute, die sich ohne den geringsten originellen Gedanken an die Polemik von Herrn Poodle dranhängen. Den Poodle-Text habe ich übrigens eher sportlich gesehen. Abgesehen davon habe ich Verständnis für solche Wut-Postings, in denen man etwas, was einen richtig aufregt, kräftig runtermacht. Mir ist ein ordentlicher, ehrlicher Wutausbruch sehr viel lieber als kryptisches Rumformulieren oder dieses ewige Hinterhergelaufe hinter irgendwelchen vermeintlichen Vorbildern, in der Hoffnung, etwas von deren Karma oder deren Fähigkeit zu denken abzubekommen und sich so die eigenen Gedanken zu sparen.
Daß wir „korrumpiert“, „instrumentalisiert“ und „unglaubwürdig“ seien, haben wir uns eine Weile anhören müssen. Allerdings hat das, nachdem auch ein paar Texte zur Aktion online standen, ziemlich stark nachgelassen. Daß die Aktion polarisiert, war zu erwarten. Allerdings hat niemand mit dieser Heftigkeit gerechnet. Davon war im übrigen auch der Herr Poodle überrascht. Ich war aber auch wieder überrascht, wie wenig Resonanz die bekannten Trittbrettfahrer und Selbstdarsteller bekommen haben.
Was würdest Du Opel und der Agentur fürs nächste Mal empfehlen?
Ich würde MC Winkel keinen 250-PS-Renner versprechen, um ihm dann `nen Diesel-Kombi hinzustellen. Mir wurden auch 30 PS weniger als versprochen geliefert. Blogger reagieren auf zurückgezogene Versprechen bekanntlich schnell pampig. Andererseits habe ich Verständnis für die vielfältigen Schwierigkeiten beim Organisieren einer solchen Aktion. Nur eins sollte jedem klar sein, der sich mit Bloggern einläßt: die schreiben (fast) alles sofort auf. Da öffnen sich ganz schnell ungeschützte Flanken, in denen dann von Außen mit Zahnstochern rumgebohrt wird. Nichts gegen freundschaftlichen, kumpelhaften Umgang. Aber das, was kommuniziert wird, sollte wasserdicht sein.
Nochmal zurück zu den Reaktionen aus dem Blog-Umfeld. Kann man sagen, daß viele so reagiert haben, wie sie immer reagieren? Sie regen sich auf? Dieses mal halt vor dem Hintergrund eines Autotestes?
Aufregen ist eine Triebfeder des Bloggens. Man darf das emotionale Moment nicht unterschätzen. Aber im Gegenteil zu mancher Theorie des aufgepeitschten blinden Blogmobs, der Unschuldige niedermacht, glaube ich daran, daß die meisten ganz gut merken, ob ihre Aufregung Substanz hat oder nicht. Viele halten die Blogger ja für blöde Herdentiere, was aber mit Ausnahme einiger "Rosettenlutscher / Applausheinis" vorne und hinten nicht stimmt.
Kraftausdrücke scheinen Dir zu liegen, Du benutzt sie oft und gerne. Es war absehbar, daß Opel durch Dich und Deine Leser mittenrein kommen würde in den Strudel der Wortkraftmeierei. Hätte man Opel nicht warnen müssen? Hättest Du selbst Opel nicht vor Dir schützen müssen?
Wie bereits gesagt: mich interessiert es nicht, wo für Opel der Nutzen liegt. Ich verstehe nicht, wie solche Unternehmen ticken. Sonst wäre ich wohl Werbefuzzi oder PR-Tante geworden. Wenn man mir gesagt hätte, was man gerne für Texte von mir hätte, was ich tun und was ich lassen sollte, hätte ich nicht mitgemacht oder wäre nur das Auto gefahren und hätte nix geschrieben. Offenbar ist man bereit, nicht nur Journalisten Autos zum Testen zu geben, ohne zu wissen, was dabei herauskommt. Sondern man ist auch bereit, dieses Risiko bei Bloggern einzugehen. Das finde ich erstmal gut. Und das Risiko sehe ich bei Opel und den beteiligten Agenturen. Ich hatte ja nichts zu verlieren.
Was glaubst Du: wo war für Opel der Nutzen, Dir, Deinen Lesern und der Blogosphäre diesen Test zuzumuten?
Zumuten muß sich mein Weblog wirklich niemand. Mir hat das Bloggen schon Spaß gemacht, als ich nur 100 Leser hatte und niemand meinte mir Glaubwürdigkeit, Moral oder Mangel daran attestieren zu müssen. Hinter meinem Blog steht nur eine kleine Idee, auf die ich sogar ein bißchen stolz bin: Ich schreibe, was ich will. Daß ich ein paar Leser gefunden habe, obwohl ich gegen alle gutgemeinten Ratschläge und Regeln des guten Geschmacks, der Verdaulichkeit, der Rechtschreibung und Zeichensetzung verstoße, freut mich ungemein.
Hat die Aktion Dein Bild von Opel verändert?
Der letzte Opel, den ich fuhr, zitterte am ganzen Leib, wenn ich schneller als 140 fuhr. Der Opel heute fährt dagegen wie auf Schienen, auch bei 210. Das Bild der Autos wurde sozusagen geupdated. Um zu sagen, ob mein Bild von Opel verändert wurde, müßte ich mich fragen, was ich vorher für ein Bild hatte. Und ich stelle erschreckt fest: fast gar keins. Jetzt habe ich zumindest ein kleines Bild von Opel.
Felix, Danke für das Gespräch.
(Per E-Mail aufgezeichnet)
Siehe auch: Blogger vorm Werbekarren


Bisherige Kommentare
1 | Jens schrieb am 14.06.06 15:02
manuell getrackbackt...
2 | anonym schrieb am 14.06.06 18:28
Das Bild fällt aber auch in die Kategorie "grausam", oder?
3 | Andreas schrieb am 14.06.06 20:58
Hallo "OPEL-Hasser",
ich werde bei dieser Art der provokanten Fragestellung das Gefühl nicht los, dass themenblog.de diese Aktion selber gerne gemacht hätte. Das ist doch eine Steilvorlage für den selbstbekennden Autohasser Felix.
Warum so bissig-verbissen in der Formulierung? Nicht traurig sein: einfach nen anderen Automobilhersteller suchen und besser machen! Bravo OPEL & Co. für diesen Mut - weiter so!
4 | ix schrieb am 15.06.06 1:09
ich hasse autos nicht. aber autofahren ist manchmal ganz schön ätzend.