Öffentliche Bekenntnisse eines Web-1.0-Stars

Veröffentlicht am 12. März 2007 von Mark Pohlmann

Der erste Internetstar hierzulande war ein Berater – ich glaube, schon das wäre heute gar nicht mehr möglich. Jetzt “packt er aus”. In der letzten Brandeins (die mit einem Monat Verzug jetzt kostenfrei online abrufbar ist).

Das bisherige Wirken in einem Satz: Er war früh dran, spielte schnell mit den Mächtigen des Landes, hat zuerst viel Geld verdient und zuletzt viel Geld verbrannt, lief danach lange als Visionär ziemlich unbeachtet durch die Gegend und erfährt heuer dank seiner Offenheit seine erste große öffentliche Rehabilitierung. Weil er warnen möchte. Vor Schicksalen wie seinem. Denn der Berater und Börsenstar war eigentlich Opfer seiner (Finanz-)berater. Sein Name: Paulus Neef. Aber lesen Sie selbst.

Sechs Jahre später war Neef ihr Sündenbock. Und was damals geschah, sagt er heute, „wiederholt sich gerade: Es werden Fehler auf allen Ebenen im Web 2.0 wieder gemacht. Der Kapitalmarkt ist extrem und unfassbar. Die, die damals ,Increase your market share!‘ geschrien haben, sind heute wieder da“. Wer das ist? „Die ganzen sogenannten seriösen Triple-A-Banken, die am ersten Hype prächtig verdient haben und jetzt den zweiten Knall vorbereiten. Und sich wieder zeitgerecht aus dem Staub machen.“ So wie 2001.

Neef erzählt, wie seriöse Banker und Manager ihn, den Musterknaben der Branche, dazu drängten, privates Kapital für schnell zusammengeschusterte Internet-Klitschen aufzutreiben. Neef gab dem Druck nach. Er überzeugte Kapitalgeber, viele davon Freunde, alte Bekannte, Geschäftspartner. Dann standen die Start-ups: „Das hatten wir geschafft – und als der Laden fertig war, kam einer dieser seriösen Banker zu mir und sagte: ,Paulus, wir haben eine neue Policy: Get out!‘ Ich dachte, mich trifft der Schlag: Ich hatte Freunde und Bekannte monatelang dazu überredet, mitzumachen, und dann kommt der Kerl und sagt, wir gehen raus, ganz ruhig, wir ziehen jetzt ab.“

Abgesehen davon, daß es im Web 2.0 fast keine Börsengänge, sprich Kleinanlegers Geld für Start-ups gibt, mag ja vieles von Neefs Einsichten stimmen. Aber für mich unvergessen ist vor allem die 12 Seiten lange Anzeigenstrecke im Spiegel wenige Tage vor dem Börsengang von Pixelpark. Dort wurden die ruhmreichen ersten fünf Jahre von Pixelpark (zur Erinnerung: wir schreiben das Jahr 1999) Revue passiert und so das Finale, die zwölfte Seite, vorbereitet, auf der folgender Satz prangte, hineingeschrieben in einen gemalten Seeadler über einem tosenden Atlantik (so siehts jedenfalls in meiner Erinnerung aus, hat jemand das Original?)

“Ja, ich kann mir vorstellen nach Amerika zu gehen” (Pixelpark-Gründer Paulus Neef, 1999).

Ja, und das tat er, er verbrannte hüben wie drüben viel Geld – und scheiterte. Warum auch immer, das soll hier nicht die Frage sein. Nur daß er jetzt als unschuldiges Opfer seines eigenen Expansionsdrangs dargestellt wird, geht mir zu weit. Im Web 1.0 war einfach viel zu viel Großmannsucht dabei, als daß sich jetzt das Scheitern auf die Finanziers der Blase reduzieren ließe.

Achja: Der Artikel in der Brandeins heißt “Elementarteilchen”, stammt aus der Feder von Wolf Lotter, und ist wie immer, wenn sich die Brandeins über die Zukunft des Digitalen ausläßt, trotz (oder wegen) derartiger Parteinahmen überaus lesenswert.

Eine Antwort zu “Öffentliche Bekenntnisse eines Web-1.0-Stars”

  1. fadimat

    danke, daß sie die öffentlichen bekenntnisse am schluß doch noch kommentiert haben. bei lotters artikel fehlt nur noch das spendenkonto, so dicke rinnen da die tränen.
    fadimat

Hinterlasse eine Antwort