Internet erzwingt Paradigmenwechsel

Veröffentlicht am 27. November 2008 um 11:48 Uhr von Anna Friedrich

Bis 2018 wird sich fast ein Drittel der Leser von den Tageszeitungen ab- und dem Internet hinwenden. Außerdem werden die Werbeeinnahmen im Internet höher als im Print sind. Dies behauptet die Trendstudie "Mediennutzungsverhalten in der Web-Gesellschaft 2018" initiiert von den Mainzer Forschern Prof. Dr. Lothar Rolke und Johanna Höhn.

Insgesamt nahmen bei der Zweituntersuchung bereits vorhandener Studien weitere 600 Probanden von 15 bis 19 Jahren, 20 bis 25 Jahren sowie 35 bis 50 Jahren teil. Rolke von der FH Mainz fasst das überraschende Ergebnis über die rasante Durchsetzung des Internets so zusammen:

Besonders erstaunt hat uns zum einen die Selbstverständlichkeit, mit der die jüngere Generation die verschiedenen Online-Angebote nutzt, und zum anderen die Geschwindigkeit, mit der die 35- bis 50-Jährigen gelernt haben, die neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten zu gebrauchen.

Die Studienteilnehmer gaben an, sich drei mal so häufig per Internet zu informieren als sie das über klassiche Medien wie Fernsehen, Tages- und Publikumszeitungen tun. Alle befragten Altersgruppen sehen das Internet als attraktives Informationsmedium an: die qualifizierten Informations-, Unterhaltungs- und Einkaufmöglichkeiten können einfach mit wenigen Klicks abgerufen werden.

Ganz besonders als Recherchetool bei Kaufentscheidungen wird viel gesurft. Mit mehr als 70 Prozent ist das World Wide Web klarer Spitzenreiter bei der Informationssuche zu Produkten. Damit ist das Netz eine sehr viel wichtigere Informationsquelle als Familie, Bekannte und Printmedien.


Zeitungsleser sollten mehr vom Web profitieren als Nicht-Zeitungsleser

Der Professor für Betriebswirtschaftslehre und Kommunikationswissenschaften Lothar Rolke betont jedoch, dass das Web die übrigen Medien braucht. Die traditionellen Medien seien also keinesfalls abgeschrieben. Nur sollten Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunk verstärkt Kooperationen eingehen und die Internetnutzer unterstützen. Rolke sagt:

Es mag paradox klingen, aber weil das Internet ein so großer gesellschaftlicher Veränderer ist und vorläufig bleiben wird, müssen die traditionellen Medien zu Begleitern für die Menschen werden: Ihnen Orientierung geben, Lernhilfen anbieten und ihnen zeigen, wie sie an die Benefits im Internet kommen können. (...)


Online die Energie des Kunden nutzen

Für Firmen heißt die "Internetisierung" vor allem eines: Sie müssen sich mit den Umgangsregeln und Werten der Web-Generation auseinandersetzen. Um in Dialog zu treten mit ihren Kunden müssen sie diese anerkennen:

Gleichwertigkeit der Kommunikationspartner, Transparenz des eigenen Tun aufgrund der archivierten, aber jedem zugänglichen Aktualität und dem stärkeren verlangen nach ungezwungener Partizipation.

Ähnlicher Meinung ist auch der Marketing-Guru Philip Kotler. Für ihn ist Online-Kommunikation eine kostengünstigere und effektivere Alternative, die gerade in Krisenzeiten genutzt werden sollte. Marketingstrategen sollten sich, so der Wirtschaftswissenschaftler, die Social Communities zu Nutzen machen.

Sein Schlagwort ist "Customer Empowerment": Anstelle der von Watzlawick geprägten einseitigen Sender-Empfänger-Kommunikation müssen Firmen die Energie der Kunden für sich nutzen, indem sie mit ihnen interagieren. Dazu gibt es im Web vielfältige Anwendungen, wie virale Marketingkampagnen, Produktcommunities, (Mitarbeiter-)Blogs, Twitter-Accounts, Podcasts oder Webseminare. Kotler erklärt gegenüber der FTD:

Wenn es eine Website gibt, auf der sich Experten für Verpackungstechnik austauschen, dann muss man als Hersteller dort präsent sein.

Beherrschen die Marketiers also erst einmal die Klaviatur der Web 2.0-Szene, haben Sie "Kontrolle" über ihre Kunden? Kotler empfiehlt Herstellern, über Mundpropaganda ihre Produkte testen zu lassen. Auch, wenn die Kunden sich im Internet kritisch dazu äußern, wirkt die Marke plausibel. "Kritik ist ein Geschenk!", so der Wissenschaftler.

Dazu müssen über einen Web Monitoring Service allerdings auch die Meinungen zu Produkten in Blogs und Foren überwacht werden. Laut Kotler nutzt in USA nur jedes zehnte Unternehmen Web Monitoring - in Deutschland ist es lediglich jedes fünfzigste!

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Was bleibt, wenn Gründer gehen?

Veröffentlicht am 24. November 2008 um 18:38 Uhr von Mark Pohlmann

Die Nachricht des Tages war zweifellos der Rücktritt des Xing-Gründers Lars Hinrichs. Ich wundere mich, dass ein Aspekt so gar nicht in die Gratulationsbekundungen Eingang gefunden hat:

Warum tritt ein Gründer freiwillig aus seinem eigenen Unternehmen aus?

Wohlgemerkt: Xing ist erfolgreich, kerngesund und profitabel. Lars Hinrichs ein angesehener Unternehmer. Es könnte alles nicht besser sein. Und dennoch scheint es ihm nicht gereicht zu haben.

Persönliche Bereicherung scheidet als Motivation aus. Er bleibt größter Einzelaktionär. Ich höre an dieser Stelle schon die Rufe: "Ein Gründer muss loslassen können!" Ich kann darauf nur antworten: Das könnte er auch, wenn er geblieben wäre!

Bei mir werden alte Erinnerungen wach: Vor ungefähr sechs Jahren, im tiefsten Dunkel der frisch geplatzten New Economy, ging mein damaliger Chef Oliver Sinner von Bord der SinnerSchrader Aktiengesellschaft. Damals waren die Zeiten noch andere: Am Anfang waren Online-Gründer Popstars, danach gefallene Helden. Oliver Sinner ging, als "Excel statt Powerpoint" gefragt war. Matthias Schrader hat alleine weitergemacht, und das ist bis heute so geblieben. Oliver hat nie wieder den Weg zurück ins Online-Business gefunden (oder wohl besser: gewollt), sondern hat ein neues Leben mit Hotels, Bauernhöfen und Restaurants in seinem Heimatort begonnen.

Ich hätte mir damals gewünscht, dass er nicht in den Sack gehauen hätte. Mit seinem Weggang war die Identifikationsfigur unserer Agentur von heute auf morgen weg. Es hat lange gedauert, bis "das Gehirn" Matthias Schrader auch "das Gesicht" von SinnerSchrader wurde (an dieser Stelle meine Hochachtung dafür, dass er dies geschafft hat).

Noch so einer, der in diese Riege passt, ist der Spreadshirt-Gründer Lukasz Gadowski. Auch er ging, weil er für sich selbst keine Zukunft mehr in seinem eigenen Unternehmen sah. Andere sollten es anders, irgendwie besser machen. Lukasz hilft jetzt lieber neuen Unternehmen auf die Beine als seinem eigenen. Spreadshirt ohne Lukasz aber ist nur noch "just another t-shirt-printer". Das Magische ist vorbei.

Warum gratuliert man also einem Gründer zu seinem Austritt?

Es ist wohl so, dass Gründer allgemein sehr gerne aufbauen und sich an der Geschwindigkeit der Entwicklung berauschen können. Aber von Herzen ungerne treiben sie täglich neu das kleinteilige, unaufregende Tagesgeschäft an. Wer interessiert sich schon für Renditeoptimierung oder dafür unaufgeregte Strategien mit ruhigem Auge über lange Zeiträume zu verfolgen, der aus dem Nichts einen Millionenmarkt geschaffen hat?

Und hey - Lars ist 32! Er hat gerade sein zweites Kind bekommen! (Herzlichen Glückunsch den Eltern hierzu) Wer wollte ihm vergönnen, diese Zeit, diesen Moment des Erfolges zu genießen und sie genau jetzt zu konservieren?

Fakt ist doch: Gründer sind die Seele ihrer Firma. Ihre Firmen sind wie ein Körperteil oder wie Kinder: Untrennbar verbunden. Deswegen haben sie eine viel größere Verantwortung als Manager, die nur Leiharbeiter sind. Weglaufen gilt einfach nicht. Es geht immer auch die Seele der Firma mit.

Was also wird aus Xing? Die Herausforderungen für börsennotierte soziale Netzwerke werden in rezessiven Zeiten nicht kleiner. Neue Werbemodelle werden überall gesucht. Facebook drängelt, Linkedin kommt. Ob das geniale Abomodell von Xing noch in drei Jahren so gut funktioniert wie in den letzten fünf? Lars hinterläßt ein bestelltes Haus. Ob es wetterfest ist, weiß man nicht.

Sicher ist hingegen, dass Xing für den Moment seine Mitte verloren hat. Ab sofort ist Xing ein ganz normales Unternehmen. Es gibt keinen Magier mehr, der immer noch einen Trick im Hut hat. Der neue Chef, seine Mitarbeiter und die Kunden werden Zeit brauchen, das Xing nach Lars zu formen. Gibt aber der Markt Xing die Zeit, die es jetzt braucht? Die Zukunft von Xing ist seit heute noch ein bisschen offener ist, als sie das sowieso für alle in diesem Markt ist.

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Das Internet ist der Sauerstoff der Europäer

Veröffentlicht am 21. November 2008 um 10:31 Uhr von Anna Friedrich

Inzwischen sieht ein Großteil der Europäer das Internet als festen Bestandteil ihres Alltags an, ihr Lebensstil orientiert sich mehr und mehr am Web. Dies ist das Fazit der Mediascope Europe 2008 Studie, die sich das Mediennutzungs-Verhalten der europäischen Bevölkerung im Auftrag der European Interactive Advertising Association (EIAA) unter die Lupe genommen hat. Dazu wurden im September diesen Jahres europaweit über 9.000 Internetnutzer interviewt, davon auch gut 1.000 Deutsche.

Innerhalb von einer Woche sind 60 Prozent der Probanden, das entspräche 178 Millionen Europäern, im Netz unterwegs. 55 Prozent der Befragten sind täglich online. Dabei ist die Internet-Nutzung nicht nur beruflich mehr geworden. Auch privat wird mehr gesurft: Während 2007 noch 67 Prozent auch abends im Internet waren, sind es heute bereits drei Viertel der europäischen Studienteilnehmer. Mehr als die Hälfte (51 Prozent) surft regelmäßig am Wochenende. 2007 waren es gerade einmal 38 Prozent.

Was wird gesurft?

Ein Großteil der Befragten, 83 Prozent finden, dass das Web ihre Lebensqualität steigert. 73 Prozent bleiben über Netzwerke & Co. mit Freunden und Verwandten in Kontakt. 54 Prozent buchen ihre Reisen online. Weiterhin sammeln 51 Prozent Produktinformationen im Internet, die ihre Kaufentscheidungen beeinflussen.

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Entscheidend bei der Kaufentscheidung online sind zu 64 Prozent persönliche Empfehlungen. Die Hälfte der Europäer nutzt Online-Preisvergleiche und 49 Prozent nutzen Hersteller-Seiten als Informationsquelle.

Zu 64 Prozent surfen sie auf Seiten, die Kundenbewertungen enthalten - das heißt, Emfephlungen im Netz spielen bei knapp der Hälfte der Käufer eine Rolle, wenn es um die Kaufentscheidung geht! Expertenurteile zu Produkten spielen bei 45 Prozent der Konsumenten eine Rolle. Der Trend scheint also zu sein, dass mehrere Komponenten zur Kaufentscheidung hinzugezogen werden.


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Und die Deutschen?

Laut Ergebnissen kaufen 36 Prozent der Deutschen innerhalb von 12 Monaten bis zu fünf Mal im Internet ein. Jeder Zweite gibt an, mehr als sechs Einkäufe zu tätigen sogar mehr als 6 Einkäufe. Beliebtes Kaufobjekt sind mit 69 Prozent Reisetickets. Sie sind dicht gefolgt von Urlaubsangeboten, die von 68 Prozent recherchiert und von 28 auch online gebucht werden. Den dritten Platz belegen mit 55 Prozent Bücher, gefolgt von Elektronikartikeln, Konzertkarten, Kleidung, CDs, Autos und Mobiltelefonen.

Auch ergibt die Untersuchung, dass die Informationen aus dem Internet auch für Offline-Käufe genutzt werden. Immerhin geben 70 Prozent der deutschen Surfer an, für ihre Kaufentscheidungen Suchmaschinen zu Rate zu ziehen. Nur 65 Prozent informieren sich über den "realen" Verkäufer. Erst an dritter Stelle liegen werden von 63 Prozent der Befragten klassische Medien wie Zeitungen und Zeitschriften zur Produktinformation hinzugezogen.

Die "goldene" Jugend

Am stärksten ist die zunehmende Internetnutzung geprägt von der "Generation Online", der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen, die seit der Schulzeit mit dem Web vertraut ist. Von ihnen sind 36 Prozent "Heavy User" und 63 Prozent surfen täglich. Knapp die Hälfte kommuniziert über soziale Netzwerke mit anderen Nutzern - sie haben sich die nutzergenerierten Inhalte zu eigen gemacht.

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Alison Fennah, Executive Director der EIAA, fasst das Fazit der Studie so zusammen:

Das Internet hat sich für die Nutzer in den vergangenen fünf Jahren von der reinen Informationsquelle zu einem effektiven Tool entwickelt, mit dem sie ihren gesamten Lifestyle ausleben und ihren Alltag organisieren können - sei es bei der Kommunikation, Unterhaltung, Informationsrecherche oder dem Termin-Management. Vor allem die Generation Internet der 25- bis 34-Jährigen nutzt diese Vorteile bereits aktiv für ihren Alltag. Für werbetreibende Unternehmen und Media-Agenturen in Europa bedeutet dies eine äußerst attraktive Zielgruppe, die sie online effizient erreichen und interaktiv in ihre Markenwelten einbinden können.

Marketiers sollten sich die Ergebnisse genauer anschauen. Die zunehmende Bedeutung des Internets bietet für sie eine große Spielwiese. Nur wer versteht, womit welche Konsumenten ihre Zeit online verbringen, hat auch die Möglichkeit, mit der Zielgruppe in Dialog zu treten.

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Social Media Myths

Veröffentlicht am 20. November 2008 um 17:25 Uhr von Mark Pohlmann

Das englischsprachige "Socialmediamagazine" hat eine interessante Liste der größten Vorurteile über den Einstieg in die Welt der Social Media geschrieben. Hier eine kurze, frei übersetzte Zusammenfassung.

1. Gut sein reicht nicht. Nicht alles, was gut ist, wird automatisch auch geklickt. Ohne eigene Reputation und aktive Vermarktung geht auch der beste Artikel ungelesen den Bach runter.

2. Klare Regeln. Die Community sieht genau, wer peinlich übertreibt , falsch zitiert oder grob bei der Konkurrenz klaut. Und zeigt mit dem Finger schamlos auf den Delinquenten.

3. Es gibt sie: Digitale Beziehungen. Wer glaubt, das über das Internet kein Vertrauen aufzubauen ist, irrt. Das Gegenteil ist der Fall: Gerade im vernetzten und transparenten Internet wird klar, wer vertrauenswürdig ist.

4. Je mehr Freunde, umso besser. Tausende Freunde sind ein Faktor von vielen, die eine digitale Reputation ermöglichen. Aber bei weitem nicht die entscheidendste. Die Qualität schlägt glücklicherweise weiter die Quantität.

5. Social Media Marketing ist einfach. Siehe Punkt eins: Foren und Communities kann jeder bauen. Begeisterte Nutzer anzulocken und anzusiedeln, ist harte Arbeit. Das kann vor allem dann frustrierend sein, wenn über die ersten Wochen sich kaum jemand für das eigene Angebot interessiert. Hier hilft nur: Besser werden, aktiver kommunizieren.

6. Vergeudete Zeit. Die Fähigkeit, sich mit Kunden auszutauschen ist keine Zeitverschwendung, sondern eine zukünftig elementare Kulturtechnik für jedes Unternehmen. Je eher es anfängt, umso einfacher wird dieser Adaptionsprozess.

7. Social Media ist das Ende klassischen Marketings. Hierzu nur ein Wort: Quatsch.
Aber seine Bedeutung wird noch viel zu wenig erkannt.

8. Online-Kommunikation löst alle Probleme verfehlter Marketingpolitik, da es sich quasi von selbst verbreitet. Ist natürlich auch nicht richtig. (Hier würde ich allerdings sagen, das behauptet auch niemand). Die oft zu hörende Hoffnung, dass virales Marketing Media-Budgets unnötig macht, träumen viele Unternehmen. Das schaffen vielleicht ein Prozent.

9. Web 2.0 - das ist für die nächste Generation, die "Digital Natives". Natürlich ist die heutige Teenager-Generation schon komplett digital sozialisiert und nutzt die Techniken in der Mehrheit viel intensiver als jede andere. Aber Fakt ist, dass die Hauptnutzung in absoluten Zahlen derzeit bei den über 30-Jährigen liegt. Und die meisten Reisen werden heute online gebucht - und das bestimmt nicht von Vierzehnjährigen.

10. Digg ist alles, was es braucht. Digg zeigt von Lesern empfohlene Texte und Webseiten an und ist im englischsprachigen Raum sehr verbreitet. Aber welches Marketingtool auch immer: Es gibt nicht "die" eine Lösung. Aber es gibt viele Wege, Aufmerksamkeit im Internet zu erzeugen. Das ist das Schöne am Internet: Die Anzahl der Marketinginstrumente hat exponential zugenommen. PR, Virale Videos, Blogs, Communities, Twitter, YouTube... die Liste ließe sich unendlich verlängern. Jetzt muss man nur noch wissen, welches zu den eigenen Zielen passt.

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Facebook-Zensur in Italiens Firmen

Veröffentlicht am 19. November 2008 um 18:25 Uhr von Anna Friedrich

Kein Zugang zu Facebook am Arbeitsplatz - das ist in Italien ab sofort eher die Regel als die Ausnahme. Von mehr Effizienz am Arbeitsplatz durch soziale Netzwerke wollen italienische Unternehmen anscheinend nichts wissen.

Wie die Poste Italiane verbieten viele Unternehmen ihren Mitarbeitern ab sofort, Facebook zu nutzen. Sie vergeuden, so die Begründung, nur ihre Arbeitszeit. Die Stadt Neapel erlaubt eine eingeschränkte Facebook-Benutzung von einer Stunde pro Tag - sechs "Rationen" à zehn Minuten. Da fragt man sich, ob die Stadtverwaltung auch die Toiletten-Pausen regelt?

Anders ist die Einstellung beim Automobilproduzenten Fiat. Hier wird der Netzwerk-Gigant für Online-Marketingzwecke eingesetzt - alle Fiat-Modelle sind auch auf Facebook.

Von den 120 Millionen registrierten Benutzern weltweit zählt Facebook allein in Italien 4,2 Millionen (Stand: September). Dabei ist das Wachstum gigantisch: Die Nutzerzahlen haben sich von Mai bis September 2008 mehr als vervierfacht!

Warum sind Verbote schlecht? Netwerke verbessern die interne Kommunikation, die Arbeitsorganisation und geben ein Gefühl der Zugehörigkeit. Warum darauf verzichten? (s. Blogeintrag Soziale Netzwerke machen das Arbeiten effizienter)

Und, was noch viel wichtiger ist: werden Web 2.0-Anwendungen wie Facebook intern verwehrt, dann können sie auch schlecht für die Kommunikation nach außen mit der Zielgruppe genutzt werden. Die Videobotschaft von Axel-Springer-Vorstand Mathias Döpfner, in der er seinen Angestellten die Umstellung der Betriebs-IT auf Mac erklärt, ist doch ein schöner Anfang. Oder die Telekom-Kampagne "Die neue Telekom", in dem Vorstand René Obermann Stellung zum Umbau im Unternehmen nimmt. Wenngleich bei der Telekom-Seite die Kritik laut wurde, dass keine Kommentar-Funktionen vorhanden sind.

Glaubt man einer Studie der Sales-Firma Xenagos, dann verpassen Vertriebsfirmen große Verkaufschancen in sozialen Netzwerken. Denn im Internet stecke, "großes Potential für die Geschäftsanbahnung - hierzulande bleibt es jedoch weitgehend ungenutzt." Mehr dazu im Whitepaper „Social Networks im Vertrieb - Nutzung und Perspektiven". Darin rät Xing-Evangelist Joachim Rumohr jedoch davon ab, Konten auf sozialen Netzwerken ausschließlich für Firmenzwecke einzurichten:

Ein Soziales Netzwerk besteht aus einzelnen Personen mit persönlicher Geschichte, Erfahrungen und auch persönlichen Zielen. Privates und Berufliches ist kaum zu trennen. Persönliches und die Ansprüche des Unternehmens können im Widerspruch stehen. Corporate Accounts halte ich daher in der Ausgestaltung für schwierig.

Tatsächlich sind doch die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben im Web 2.0 fließend. Von Xing über Twitter bis hin zu Facebook - gibt es Accounts die wir tatsächlich nur für "das Eine" benutzen?

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Soziale Netzwerke machen das Arbeiten effizienter

Veröffentlicht am 14. November 2008 um 11:07 Uhr von Anna Friedrich

Die Begeisterungen um das Web 2.0 dreht sich immer um den B2C-Bereich, dabei liegt gerade im Einsatz von solchen Applikation innerhalb von Unternehmen großes Potential. Damit, ob und wie soziale Netzwerke in Firmen Einsatz finden, hat sich eine Studie von Dynamic Markets befasst. Die vom US-Telekommunikationsunternehmen AT&T in Auftrag gegebene Untersuchung beweist, dass Unternehmen mit dem Einsatz von sozialen Netzwerken ihre Effizienz steigern.

Dies ergab die Auswertung der Antworten von 2.500 teilnehmenden Angestellten aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Belgien und den Niederlanden. Ähnliche Ergebnisse lieferten auch schon Studien von Psychonomics und Demos (s. Blogeintrag Online-Vernetzung macht Firmen produktiver).

Am häufigsten an europäischen Arbeitsplätzen eingesetzt werden demnach:

  • Firmeneigene Plattformen zur Zusammenarbeit im Intranet (39 Prozent)
  • Foren innerhalb des Unternehmens (20 Prozent)
  • Vom Unternehmen produziertes Videomaterial, das über Intranet zugänglich ist (16 Prozent)
  • Online-Netzwerke wie LinkedIn, Facebook etc. (15 Prozent)
  • Externe Kooperations-Tools wie Wikis und interne Blogs (jeweils 11 Prozent)

Laut Ergebnissen sehen rund zwei Drittel der teilnehmenden Angestellten soziale Netzwerke als Teil ihrer Arbeitskultur an. Außerdem zeigte die Studie, dass gerade in deutschen Unternehmen am häufigsten Web 2.0-Technologien im Arbeitsalltag eingesetzt werden - und zwar von 72 Prozent der Befragten. Von den Briten hingegen nutzen nur 59 Prozent die Plattformen am Arbeitsplatz. Insgesamt sehen 74 Prozent der befragten Europäer soziale Netzwerken und Online-Communities große Vorzüge für die Arbeit.

1CC8FF27DEFA382A4872C8DAB4D1E342_800x600.jpgAls besonders vorteilhaft nennen sie zu je 38 Prozent die Erweiterung des Wissenshorizonts und der Zugang zu Problemlösungen. 36 Prozent sehen Vorteile in der Nutzung des kollektiven Wissens von Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten und weitere 32 Prozent geben an, dass soziale Netzwerke die Teambildung und die interne Zusammenarbeit erleichtern.

Aber kein Trend hat nur gute Seiten: 79 Prozent der Befragten sehen auch die Nachteile der neuen Arbeitsweise mit sozialen Netzwerken. Knapp die Hälfte der europäischen Arbeitnehmer nennt hier die Punkte. 45 Prozent äußern zudem Bedenken zur Sicherheit, da über soziale Netzwerke vertrauliche Daten aus dem Unternehmen in die Öffentlichkeit gelangen können. 30 Prozent der befragten deutschen Angestellten geben an, negative Erfahrungen gemacht zu haben. Verglichen mit anderen europäischen Ländern ist die Gefahr damit in Deutschland am größten. Dabei muss berücksichtigt werden, dass in Deutschland soziale Netzwerke am stärksten genutzt werden (72 Prozent).

Der AT&T Vice President für Deutschland und Zentraleuropa, Joachim Kathmann, betont, dass in Europa ein klarer Trend vorherrscht, soziale Netzwerke im Arbeitsalltag einzusetzen. Sie fördern, so der Vice President, die Zusammenarbeit im Unternehmen und steigern die Leistungsfähigkeit und Produktivität der Arbeitnehmer:

Die Nutzung von sozialen Netzwerken und anderen Kollaborations-Tools verändert die Art und Weise, wie Unternehmen kommunizieren. Es ist wichtig, genau zu analysieren, für welche Bereiche diese Anwendungen in Unternehmen einen Nutzen bringen.

An welchen Kriterien kann man aber messen, ob die Arbeit mit den neuen Anwendungen wirklich einen Mehrwert bringt? Ein Viertel der Studienteilnehmer ist sich da nicht sicher. Kathmann sagt weiter:

Die Veränderung ist eher soziologisch als technologisch, deshalb ist es schwierig, die Kriterien traditioneller ROI-Berechnungen auf die Arbeit mit sozialen Netzwerken anzuwenden.

IT-Manager bezweifeln häufig, dass sich der Einsatz der Web-2.0-Techniken positiv auf das operative Geschäft auswirkt. Einer Forrester-Untersuchung zufolge, werden nicht nur soziale Netzwerke, sondern auch der Einsatz von Wikis für Unternehmen eine Rolle spielen. "Wikis haben mehr als alle anderen Web-2.0-Tools bewiesen, wie viel ihr Einsatz bewirken kann", so der Autor der Studie, Gil Yehuda.

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E-bama: Der erste ePräsident Amerikas

Veröffentlicht am 11. November 2008 um 17:54 Uhr von Anna Friedrich

Obama hat sich in seinem Wahlkampf als Marke etabliert und damit das Weiße Haus erobert. Sein digitales Marketingkonzept war es, das ihn dahin gebracht hat, wo er jetzt steht: an der Spitze Amerikas. Er ist zwar das 44. Staatsoberhaupt der Vereinigten Staaten, aber der erste ePräsident der Welt. Er hat sich die Macht der sozialen Medien zu Nutze gemacht. Obama erreichte über die Web 2.0 Anwendungen seine Nachricht und seine Spendenaufrufe an ein sehr viel bereiteres Publikum richten. Seine Facebook-Seite ist nur ein Beispiel hierfür.

Nun hat Obama die Wahl gewonnen. Doch die Direktkommunikation - vor allem über regelmäßige E-Mails und SMS - mit seiner riesigen Fandatenbank, kann jetzt nicht einfach gebrochen werden. Die Ära der politischen Online-Kommunikation, in der ein x-beliebiger Bürger eine E-Mail an Obama schicken kann, bricht gerade an. Wenngleich die Website des neuen US-Präsidenten dies aktuell noch nicht ermöglicht, so werden die Kampagnen-Manager nicht darum herumkommen, Dialogfunktionen einzubauen - ähnlich den sozialen Netzwerken.

Vorschaubild für Bild 5.pngÜber den Verlauf seiner Transitionsphase bis zum 20. Januar will Obama auf seiner neuen Regierungsseite Change.gov berichten. Diese Transition, wie die Amerikaner sie nennen, findet interaktiv statt. Unter der Rubrik "Open Government" fordert er die US-Bürgerinnen und Bürger auf, ihre persönliche Obama-Geschichte zu veröffentlichen: "An American Moment". Indem Obama seinen Wahlsieg zum Sieg der Bürger macht, gibt er jedem einzelnen das Gefühl, dass er direkt mit dem virtuellen Präsidenten verbunden ist.


Die Macht der Wähler ist gleich die Macht der Konsumenten

Vom Obama-Prinzip sollten auch Unternehmen lernen. Sie müssen ihre Kommunikation mit den Endkunden überdenken - Massenmarketing wird abgelöst von einem kontinuierlichen Dialog mit der Zielgruppe. Der Marketingerfolg Obamas unterscheidet sich nämlich nicht wesentlich von Marken wir Nike oder Apple. Diese dienten den Marketiers aus dem demokratischen Team vielleicht als Inspiration.

Rapp-Chef Paul Price sagt gegenüber der AdAge:

You saw mass-microtargeting discriminating on the basis of people's issues, concerns, geographies and demographics. It was a remarkably powerful demonstration of the power of database marketing and data-driven marketing.

Price betont jedoch, dass Obamas Erfolg nicht ganz so einfach auf Konsumentenwerbung übertragen werden kann:

It was for a very high purpose. The motivation of people to join and be part of that is at an extraordinary high level.

In Norwegen zeigt eine E-Mail-Kampagne gegen Shell (Video), wie stark der Einfluss von digitalem Direktmarketing auf Konsumenten wirklich ist. Und Konsumenten sind Wähler. Die E-Mail erreichte Millionen Autofahrer erreichte, führte dazu, dass keiner mehr bei dem Ölgiganten tanken wollte.

Von einem solchen Boykott, ausgelöst von einer kleinen E-Mail, ist heute kein Unternehmen mehr sicher. Dieses Machtpotential lässt sich auf die Politik übertragen. Obamas Datenbank unterstützt seine politischen Intentionen - schaden soziale Netzwerke auch. Gleichzeitig schlägt Begeisterung schnell ins Gegenteil. Oder ist die Marke Obama so stark, dass sie vor der Macht des Konsumenten geschützt ist?


Die Marke Obama muss ihre Versprechen nicht halten

Justin Kingsley stellt eine interessante These auf darüber, wie sich unser Verhältnis zu Marken verändert hat. Heute glauben Konsumenten der Werbung nicht mehr. Diese Generation bezeichnet Kingsley als "Obsoletisten". Gemeint ist mit den übersetzt "Unmodernen" eineneue Generation: sie sehnt sich immer nach dem neuesten Trend, während sie schon genau weiß, dass der gleich wieder "out" sein wird:

An obsoletist, therefore, is prepared to accept that a brand promise can differ from what a brand delivers. It's about the relationship a consumer has with a name, not a product. It's living on the cutting edge.

Übertragen auf die Obama-Marke bedeutet das, dass sich die Erwartungen an die Veränderungen auch wieder ändern werden. Das gute daran ist, dass es eine neue Ausgabe von Obama erst wieder in vier Jahren geben wird ;-). Aus Kingsleys Sicht überraschend dabei ist, dass der gleiche Markt zuvor zwei mal George W. Bush zum Präsidenten gemacht hat. Auch die anderen Länder haben Erwartungen an die neue Weltmacht: um diese Märkte für sich zu gewinnen, muss Obama aber andere Strategien beherzigen.

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"Selling Obama: A brand new man", so tituliert der Canwest Newsservice das Foto der "Wackeldackel"-Figur von Obama, die im Souvenirladen neben dem Weißen Haus verkauft wird. (Quelle: Getty Images)

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"Share Economy". How Brands can do

Veröffentlicht am 6. November 2008 um 16:17 Uhr von Mark Pohlmann

Today we proudly present the topic of next09, the leading conference for internet business in Germany. The next09 will take place the fourth time on May 5 & 6, 2009 in Hamburg. We are expecting around 1500 international guests.

next09 is themed "Share Economy": this term is shaped by the economy theorist Martin Weitzman. His basic idea: The more we share our success with others, the more we profit ourselves. This applies to humans as well as brands.

The vision of intelligent share models has become reality long time ago. In the Internet nothing is being owned by someone in particular. We share our knowledge, property and enthusiasm publicly and for free: on wikipedia, youtube, peer-to-peer networks, blogs and forums. Every day millions of internet users prove, that human beings create brilliant values for all of us, if they are motivated enough.

What does motivate us to share? How do we create an value out of sharing? How could brands engage people and drive companies' profit?

Companies often find it difficult to free themselves form that familiar idea of central distribution. "Copy kills music" is the failed trial of defense against the free will of their own customers. There is one thing that is for sure though: If you stay away from the wired world, you loose your sustainability.

But sharing also means that the character of the property changes. In the society of knowledge meaning shifts towards immaterial values. Friends, access to information and the possibility to participate are more important than status symbols.

At next you are going to get to know them: strategies, companies and products that turn sharing into winning.

Focal topics:

1. Creating a Relationship Brand
2. The New Marketing Power: Free!
3. Freemium or The New Business Models of Free
4. User-Driven Companies: The Consumer as Co-Designer
5. Co-Created Products and Services
6. How Corporations leverage the Wisdom of Crowds
7. Open Source and Open Space as Corporate Culture
8. Network Effects: Participation as Business Model
9. Creative Commons or The Future of Intellectual Property
10. Cloud Computing: The Network is the Computer (again)

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Goodbye Mary

Veröffentlicht am 5. November 2008 um 19:45 Uhr von Mark Pohlmann

Viral Marketing, mal richtig verstanden & angewendet. (Danke Anna fürs Finden ;-)

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Gruppen für japanische Twitter-Fans

Veröffentlicht am 5. November 2008 um 11:10 Uhr von Anna Friedrich

Nachdem die berühmte Microblogging-Plattform erst im April diesen Jahres in Japan gestartet ist, launcht der japanische Twitter-Partner Digital Garage jetzt die Twitter-Community Twicco.

Endlich gibt es eine Seite, auf der Twitter-Maniacs Gruppen gründen bzw. ihnen beitreten können. Denn trotz der Millionen Nutzer auf Twitter sind die einzelnen Zwitscher-Communities vergleichsweise klein. Dies soll sich jetzt ändern - zumindest in Japan. Bisher ist Twicco nämlich nur auf japanisch verfügbar. Ein Launch in weiteren Sprachen ist in Planung.

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Zur Zeit nutzen einige Twitterer Tweetdeck, um sich gruppenähnlich zu organisieren. Trotzdem ist ein Gruppen-Feature von den meisten gewünscht. Stan Schröder von Mashable vermutet aber, dass die Twitter-Entwickler Angst haben, die Einfachheit von des 140-Zeichen-Wunders mit einer Gruppen-Community "kaputt" zu machen. Fraglich ist sowieso, warum die Anwendung nicht direkt auf Twitter integriert wird?

Loic Le Meur von seesmic hat zu Twicco ein Demo-Video veröffentlicht.

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Zieht bald die Online-Demokratie ins Weiße Haus?

Veröffentlicht am 4. November 2008 um 9:23 Uhr von Anna Friedrich

Der Paradigmenwechsel des Wahlkampfes wird folgen haben, wenn Obama der neue amerikanische Präsident wird. Davon ist auch Tobias Moorstedt überzeugt:

Traditionell ist Lobbyismus in den USA sehr einflussreich. Immer wieder wurde versucht, Interessen mit dem Hinweis durchzusetzen: Mr. President, wir haben Sie finanziert. Ich bin mir sicher, dass Barack Obama auch nach der Wahl weiter mit seinen Anhängern und Geldgebern über seine Website kommunizieren wird. Und seine Community wird ihm dort mitteilen: Wir haben dich ins Amt gehoben und damit bist du uns verpflichtet.

Insgesamt sieht der Buchautor, ist diese neue Art des Wahlkampfs im Cyberspace nicht nur als simples Tool an, um neue Wähler zu gewinnen. Moorstedt sieht diese Online-Demokratisierung eher als eine völlig neue Möglichkeit für Bürgerinnen und Büger, an der Politik und damit auch an der Wahl des Präsidenten teilzuhaben. Politik im Netz ist eine Revolution gegen die alteingefahrenen Strukturen. Deshalb heißt sein Buch auch "Jefferson's Erben": Thomas Jefferson ist der Prototyp des Freiheitspräsidenten. Und die Tatsache, dass er (vermutlich) sechs Kinder mit seiner Leibeigenen Sally Hemings hatte, stellt im weitesten Sinne eine weitere Verbindung zu Obama her.

Noch wichtiger aber ist, dass Jefferson von den Bürgern abverlangte, dass sie sich für eine funktionierende Demokratie beteiligen müssen anstatt einfach nur hinzunehmen, was der Staat vorschreibt. Er ist damit der Vorreiter der heutigen "E-Democracy". Moorstedt schreibt, dass Presse, Funk und Fernsehen in ihrer Berichterstattung in den Wahlkämpfen versagt haben und dass sich deshalb das Internet zur Kommunikations-Plattform für liberale US-Bürger entwickelt hat. Hier lassen sich die Wähler mobilisieren.

Damit lässt sich doch der Cyberspace-Wahlkampf vor allem auf eines zurückführen: den Wandel des Journalismus, den die USA nicht erkannt hat. Denn es geht nicht mehr um eine einseitige Kommunikation zum Medienkonsumenten über assymetrische Kanäle. Jeff Jarvis sagte kürzlich in einem Interview der Süddeutschen Zeitung:

Journalismus wurde ursprünglich als etwas definiert, und damit gleichzeitig eingegrenzt, was er die längste Zeit über war: ein täglich produziertes und vertriebenes, vom Sender zum Empfänger kommuniziertes, mono-mediales Produkt. Heute kann Journalismus so viel mehr sein: kollaborativ, wechselseitig, einfach zu korrigieren, kontinuierlich und aktualisierbar.

Jetzt müssen die Leser nicht mehr hinnehmen, was die Massenmedien ihnen "auftischen". Sie können selbst bestimmen, was diskutiert wird und partizpieren aktiv am Geschehen der Politik. Moorstedt sieht in der die Radiotheorie von Brecht realisiert sieht, dessen Vision es war "den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen."

In Amerika wurde diese Utopie auf das Internet übertragen: Blogs und Co. wurden für die digitale Interaktion mit der Politik instrumentalisiert und massentauglich gemacht. Einen Podcast über eine Rezession seines Buchs.

Gespannt bleibt abzuwarten, ob die neue Mitmach-Politik im Netz auch in der Wahl des "richtigen" Kandidaten bestätigt wird. Der Einzug von Obama ins Weiße Haus wäre vermutlich der Anfang einer Demokratie, in der alle miteinbezogen werden - bis hin zum Gesetzesentwurf nach dem Wikipedia-Prinzip...

Ob die deutsche Politik den Cyberspace auch so für sich nutzen könnte? Sicherlich werden sich die Konzeptioner der Wahlkampagnen einiges von Obama's Webpräsenz lernen können. Dennoch hat die Bloggerkultur in Deutschland bei politischen Themen einen sehr viel geringeren Stellenwert als in den USA. Darauf weiß auch Jeff Jarvis keine Antwort:

Manche erzählten mir, dass die Deutschen nicht so gerne mit ihrer Meinung herausrücken, sie schon gar nicht öffentlich kommunizieren. Aber ich glaube, dass sich daran etwas ändern wird, wenn sich unser Leben immer mehr ins Internet verlagert und sich unsere Sozialbeziehungen stärker im Virtuellen abspielen.

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Obama sammelt Wähler im Netz

Veröffentlicht am 3. November 2008 um 14:40 Uhr von Anna Friedrich

Es ist schon erstaunlich, dass Barack Obama über eine Internet-Community und -Präsenz verfügt, die viermal so groß ist wie die seines Konkurrenten McCain. Dazu hat der Webstratege Jeremiah Owyang hat folgende Statistik aufgestellt:
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Die Wahlkampf-Kampagne des demokratischen Präsidentschaftskandidaten hat das Mitmach-Web entdeckt und auch den amerikanischen Walhkampf revolutioniert. Eine Mitarbeiterin des Campaign Finance Institutes in Washington betont:

Der eigentliche Kern von Obamas Story ist, dass er das Internet als umfassende Wahlkampfstrategie einsetzt. Er wirbt nicht nur Wahlkampfspenden an, sondern organisiert eine Freiwilligen-Bewegung.

Massenmails von Obama sind ein Teil seines Schneeball-Prinzips. Über kleine Spenden im Web konnte der Kandidat mittlerweile rund 600 Millionen Dollar Spendengelder kassieren. Seine Netzbasis wird in Social Communities organisiert: auf seiner MySpace- und Facebook-Seite sind mittlerweile über 2,7 Millionen Fans registriert. Die eigene Social Community mybarackobama.com hat rund 2 Millionen Mitglieder. Diese Basis nutzt Obama, um seine Fans einzuspannen: für Obama-Partys zum Beispiel oder dafür, Nachbarn zur Stimmabgabe für ihn zu überzeugen.

Angeblich wurde für die Online-Kampagne eigens Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als Berater eingestellt. Er unterstützte den Aufbau der Kampagnen-Website und stand mit seinem Know-how um den Boom der Social Networks zur Seite - von E-Mail-Benachrichtigungen über einen personalisierten Bereich auf mybarackobama.com bis zur Diskussion auf dem Blog.

Mit dem intensiven Kontakt zu seinen potentiellen Wählern im Netz schafft Obama einen direkten Weg - er umgeht die Presse und spricht seine Fans direkt an. Gerade junge Amerikaner, die weniger politikaffin sind, fühlen sich angesprochen.

Ein schönes Beispiel für den Online-Rummel um den potentiellen Präsidenten ist das selbst ernannte Obama Girl. Amber Lee Ettinger wurde bekannt durch ihr YouTube Video "I got a Crush... on Obama". Eine virale Kampagne, über die die Medien viel berichteten und die Symbol ist für das amerikanische Volk, das durch sein Engagement im Netz die Begeisterung für den Wunschkandidaten Obama zum Ausdruck bringt. YouTube kann sich vor Obama-Videos kaum noch retten. Auch die bekannte Komödiantin Sarah Silverman will in ihrer Video-Kampagne ihre jüdischen Mitbürger dazu bringen, für Obama zu stimmen.

Falls diese Bewegung aus dem Web Obama ins Weiße Haus bringt, wird das Internet das politische System verändern. Damit hat sich Tobias Moorstedt in seinem Buch "Jeffersons Erben" befasst. Er hat das Phänomen Obama als Demokratisierender im Netz unter die Lupe genommen. In einem Interview mit dem Tagesspiegel erklärt er, was den demokratischen Kandidaten so erfolgreich macht:

Es sind drei Dinge, die Obamas Online-Wahlkampf so erfolgreich machen: Erstens schafft er es, seinen Anhängern das Gefühl einer Gemeinschaft zu geben. Wer sich auf seiner Website registriert hat, erhält beispielsweise direkt nach den TV-Duellen Emails mit „persönlichen" Einschätzungen. Solche exklusiven Informationen verbinden den Präsidentschaftskandidaten mit seinen Anhängern.


Zweitens verbindet er über seine Seite mybarackobama.com Gleichgesinnte. Die technische Infrastruktur, die seine Website mybarackobama.com bietet, ermöglicht unbekannten Menschen zusammen Veranstaltungen, Treffen und Aktionen rund um die Wahl ihres Kandidaten zu organisieren.

Drittens nimmt die Kampagne den so genannten „voter generated content" von der Basis auf und integriert ihn. Das bekannteste Beispiel ist der Videoclip „Yes we can" des Sängers will.i.am von den Black Eyed Peas, der ohne Zutun der Obama-Kampagnen-Manager entstanden sein soll und schließlich vom Wahlkampfteam per Mail herumgeschickt wurde. Obama schafft es sehr gut, von der Kreativität und der Energie seiner Anhänger zu profitieren und sie zugleich auch ernst zu nehmen.

Dies zeugt vom politischen Wandel im Wahlkampf und Obama würde - wenn er gewählt wird - als US-Präsident mit seiner Internet-Datenbank auch ein Gegenelement zur altbewährten Parteipolitik in Washington liefern.

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