Jeder ist sich selbst der Nächste

Veröffentlicht am 09. Dezember 2008 von Anna Friedrich

Narzissmus wird im Internet zur Medienregel. Wert legen die Nutzer alle nur auf eines: Ich, ich und nochmal ich. Je peinlicher der Auftritt online, desto sicherer die Aufmerksamkeit der anderen. Das Web ist ein Paradies zur Selbstinszenierung, zur (Neu-)Konstruktion des eigenen Ichs.

Über Klickraten, Bewertungen und Kommentare bekommen die Selbstdarsteller Feedback vom Zuschauer – das legitimiert alles. Von einer Hemmschwelle, wer welche Informationenvon Fotos über Filme hin zu Status-Updates sehen kann, keine Spur. Ironisch bezeichnet Welt-Redakteurin Silke Wichert diese “Lohnabrechnung” als gerecht. “Nie war Egopflege einfacher und transparenter“, schreibt sie.

Menschen, die ohne erkennbare Begabung berühmt werden, sind ein Phänomen. Gerade sie nutzen das Internet perfekt. Vom Obama-Girl, einer US-Schauspielerin, die die Obamania erfolgreich als Karriereschub einsetzen konnte, haben wir bereits berichtet (–> Obama sammelt Wähler im Netz). Britney Spears versucht verzweifelt, durch ihre Aktivitäten online ihre alte Bekanntheit wieder zu beleben.

Auf MySpace “tourt” Tila Tequila. Die vorher unbekannte bi-sexuelle Asiatin hat es über MySpace geschafft, eine ganze MTV-Serie ins Leben zu rufen, die besser ankommt als die von Britney Spears. Hier hat sie jetzt schon die zweite Staffel namens “A Shot in Love II” gestartet: eine Reality Soap, in der Sie die Liebe ihres Lebens sucht. Ob Mann oder Frau? Das weiß sie natürlich noch nicht. Die kürzlich im deutschen Kanal ausgestrahlte achte Folge der Staffel zeigt einmal mehr die unglaubliche Exhibitionsbereitschaft der Mitwirkenden. Alle Serien sind selbstverständlich online.20narc-500.jpg

US-Psychologin Jean Twenge von der University of San Diego bezeichnet die heutige Generation amerikanischer Jugendlicher und Studenten als die selbstverliebteste überhaupt. Sie hat mit einem Fragebogen im Jahr 2006 den Grad des Narzissmus unter amerikanischen College-Studenten gemessen. Die Werte lagen um fast ein Drittel höher als vor 25 Jahren. Nach ihrem Buch “Generation Me” veröffentlicht sie bald das nächste, in dem sie das Phänomen der Selbstverherrlichung thematisiert: “The Narcissism Epidemic”.

Georg Franck, der die Bücher “Ökonomie der Aufmerksamkeit” und “Mentaler Kapitalismus” geschrieben hat erklärt die Motivation der Online-Exhibitionisten so:

Aufmerksamkeit von anderen erhöht unsere eigene Wertschätzung, so sind wir von Natur aus Egoisten und soziale Wesen zugleich. (…) Aufmerksamkeit ist in einer Mediengesellschaft die kostbarste Währung. Jetzt aber hat theoretisch jeder die Möglichkeit, massenhaft davon einzusammeln und – siehe Paris Hilton – man muss nicht einmal besonders viel dafür können!

Damit sei, so Franck gegenüber der Welt, die Sozialdemokratie doch noch beim Volk angekommen. Ganz unrecht hat er damit nicht. Die Webwelt kann aber auch echte Talente zum Vorschein bringen: die Sängerin Ingrid Michaelson wurde ebenfalls über ihr MySpace-Profil berühmt. Ihre Entdeckerin hat ihre Musik für die beliebte Arztserie “Grey’s Anatomy” lizenzieren lassen und machte sie damit über Nacht zum Star.

3 Antworten zu “Jeder ist sich selbst der Nächste”

  1. Ulrike Langer

    Das Egopflege-Phänomen ist nicht nur auf unbedarfte Webuser und Möchtegern-Starlets beschränkt – die digitale Elite kann sich davon auch nicht (oder erst recht nicht?) frei machen. Ich nutze seit einer Woche Twitter und probiere gerade aus, wem ich followen soll. Das Problem: Wer in der Webszene Rang und Namen hat und das auf seinem Blog auch zum Ausdruck bringt, lässt hunderte von Followern an jeder kleinen Belanglosigkeit per Twitter teilhaben. Was für eine Diskrepanz. Aber vielleicht und unter den Followern ja auch noch mehr Probe-Follower…

  2. Anna Friedrich

    Hallo Ulrike,
    damit hast du natürlich recht – aber wer oder was ist schon die digitale Bohème ;-) ? Ich glaube, dass die Grenzen da teilweise verwischen. Twitter ist ein Phänomen, dass ich hier – um nicht zu weit auszuholen – ausgelassen habe. Sicherlich gibt es viele “unnötige” Tweets – manche auch mit eher grenzwertigem Inhalt. Trotzdem kann man bei den Zwitscherern von der Schwarmintelligenz profitieren. Die macht dann die vielen unnötigen Micronachrichten ganz schnell zu Nichte. Wie du schon sagst, der richtige Mix derjenigen, denen man auf Twitter folgt, macht das wohl aus!

  3. Viktoria Steinmeyer

    Zu diesem Thema habe ich vor einiger Zeit einen zwar etwas nostalgischen Blog Eintrag gelesen, den ich hierzu sehr passend finde. Man schaue unter: http://belishabeacon.wordpress.com/

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