Kontrollinstanz im Netz: Verbot von Magersucht-Blog

Veröffentlicht am 27. Januar 2009 von Anna Friedrich

Erstmals in Deutschland wurde der Privatblog eines minderjährigen Mädchens gesperrt, die ihr “Zutode-Hungern” auf ihrem Online-Tagebuch dokumentierte. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) begründet die Indizierung damit, dass die offensichtliche Verfechterin der “ProAna”-Bewegung (Pro-Anorexie) andere Jugendliche gefährdet.

Heranwachsende könnten sich duch das Online-Tagebuch ermutigt fühlen, der Essgestörten in ihrem von einem gestörten Selbstbild geprägten Schlankheitswahn nachzueifern, so die Prüfstelle in ihrer Grundsatzentscheidung (pdf):

Das vorliegende Internetangebot enthält frei zugänglich Texte, die ein extremes Schlankheitsideal und eine sehr problematische Einstellung dem eigenen Körper gegenüber propagieren.

Jan Schmidt vom Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung beschäftigt sich mit Geschlechterunterschieden in der Blogosphäre. Obwohl zwei Drittel der Blogger in Deutschland weiblich sind, gibt es wenige weibliche Alpha-Blogger. Schmidt erklärt, dass Frauen Blogs eher als Tagebücher nutzen als männliche Autoren – sie wählen andere Themen und:

(…) bloggen in erster Linie, um ihre Gedanken für sich festzuhalten und sie mit anderen zu teilen. Männer hingegen wollen häufig ihr Wissen mit anderen teilen und bloggen deshalb über Themen, die für eine größere Masse relevant sind.

Was die weibliche Bloggerszene auch bewegt, sind Gewichtsprobleme, Diäten, Hungern. Im Falle der ProAna-Blogs verschwimmt die Grenze zwischen Publikationsfreiheit und Gefahr für die Öffentlichkeit. Das Sperren des Hungerblogs der unbekannten Minderjährigen jedenfalls hat in der Blogssphäre heiße Debatten ausgelöst, wie z.B. im Law- und im Beck-Blog.

Johnny Haeusler von Spreeblick sieht im BPjM-Urteil entgegen der weit verbreiteten Meinung alles andere als Willkür. Er betont, dass die Indizierung keine Zensur bedeute. Entgegen der Aussage eines seiner Kommentatoren, dass man ein Recht darauf habe, sich im Netz zu Tode zu hungern, appelliert der Spreeblick-Autor an das Verantwortungsbewusstsein der Netzwelt:

Gerade diejenigen, die sich besser auskennen, die täglich im Netz unterwegs sind, die technisch versiert sind, die ihre Meinung im Netz veröffentlichen – sie sind m.E. gefragt, eine gesellschaftliche Verantwortung zu erkennen und zu übernehmen und ihren möglichen Wissenvorsprung nicht allein als Mantel zur Schau zu tragen, den man schnell als Arroganz einer Elite missverstehen kann.

Unklar bleibt, was das Indizieren dieses einen Magersucht-Blogs bewegen soll. Google deckt schnell auf, wie riesig die Anorexie-Bewegung im Internet zu sein scheint. Über Twitter bin ich bereits im Dezember auf einen Teil dieser Anorexie-Tagebücher aufmerksam und stutzig geworden.

Ein seltsamer Zufall, dass Blogs wie der von Sad Lady oder Leichtsinn88 heute nur noch über ein Passwort zugänglich sind! Die Tagebücher von Queenana zum Beispiel oder Anamiriam zum Beispiel lesen sich ähnlich: die beiden Mädchen im Alter von 15 und 17 Jahren verherrlichen das Abnehmen und Hungern. Und es gibt unzählige weiterer solcher Seiten, deren Inhalte äußerst bedenklich für Heranwachsende sind. Es macht wenig Sinn, den jungen Bloggerinnen ihre “freien Gedanken” zu verbieten. Das Problem:

Die Prüfstelle kann nur auf Antrag tätig werden, und den stellt natürlich niemand, der Tipps für extreme Schlankheit sucht.

Wo soll die Grenze für eine Indizierung von solchen Blogs anfangen und wo greift sie in das Recht zur Meinungsfreiheit ein? Kann der Staat die Unweiten des Netzes kontrollieren und wenn nicht er, wer dann? Es ist ein schmaler Grat. Und verbotene Früchte isst man bekanntlich besonders gern.

2 Antworten zu “Kontrollinstanz im Netz: Verbot von Magersucht-Blog”

  1. Readers Edition » “Kontrollinstanz im Netz: Verbot von Magersucht-Blog” - Ein Lesetipp

    [...] Thema Magersucht irgendwie von der Bildfläche verschwunden. Bis heute. Seit 13.09 Uhr ist auf themenblog.de Folgendes zu lesen: “Erstmals in Deutschland wurde der Privatblog eines minderjährigen [...]

  2. Sebastian (Handelskraft)

    Kann mich dem Spreeblick-Autor nicht anschließen. Warum stenkert niemand, wenn Heidi Klum bei Germanys Next Topmodel dünnen labilen Mädchen sagt, dass sie zu dick seien?

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