Pandemisches Treiben auf Twitter

Veröffentlicht am 27. April 2009 von Anna Friedrich

Vor einer möglichen Pandemie des Schweine-Virus haben fürchtet sich jeder – mit der Angst scheinen gerade die Zwitscherer besonders infiziert zu sein. Seitdem die Nachricht zirkuliert, dass die Schweinegrippe in Mexiko ausgebrochen ist, machen sich viele auf Twitter verückt und “pushen” damit die Panik. Die aktuelle Verrücktmacherei kann über die Twitter-Suche swine flu, swineflu, Schwein und Schweinegrippe mitverfolgt werden. Es gibt sogar einen Twitter-Account eigens für das Virus @H1N1Virus. Neue Nachrichten treffen hier im Sekundentakt ein. Hier ein zwei deutsche Beispiele:

1600! Schweinegrippe-Verdachtsfälle alleine in Mexiko,öffentliches Leben lahm gelegt,mehr als 100 Tote..langsam werd ich nervös..#Epidemie ?

Schweinegrippe: Tödliche Virusproben verschwunden http://www.mmnews.de/index.php/200904272829/MM-News/Todliche-Virusproben-verschwunden.html

In der Tat stellen die 140-Zeichen-Botschaften zu diesem Thema den Enthusiasmus über Twitter in Frage. Die “Weisheit der Vielen” hat sich hier irgendwie in eine reine Panikmacherei von Millionen von Menschen umgekehrt. Und Twitter spielt bei der Verbereitung des Angstvirus eine zentrale Rolle. Das Gros der Tweets spiegelt reine Spekulationen, Missinformationen und Panikmacherei wieder – zusammenhagslose Aussagen, für die keinerlei Beweise bestehen.

Die 140-Zeichenwelt wird zur schlechten Flüsterpost bis es dann am Ende des Tages heißt: “Schweinevirus überall – wir müssen alle sterben!”? Twitter ist hier also alles andere als eine zuverlässige Informationsquelle. Evgeny Morozov spricht in diesem Zusammenhang von der Macht Twitters, fehlzuinformieren und erklärt:

In moments like this, one is tempted to lament the death of broadcasting, for it seems that the information from expert sourcesgovernment, doctors, and the likeshould probably be prioritized over everything else and have a higher chance of being seen that the information from the rest of one‘s Twitter-feed, full of speculation, misinformation, and gossip.

Morozov hat recht: Jetzt, wo sich die ganze Bevölkerung verrückt macht, ist es doch die Rolle von Regierungen, Ärzten und sonstigen staatlichen Institutionen, mit korrekten Informationen der Angstmache entgegen zu wirken. Sie müssen doch auf Twitter präsenter sein als die unwissenden “kleinen Leute”, die falsche Informationshäppchen aufschnappen und weiterverwerten.

Einige wenige Vertreter, wie das auf Krankheitsnotfälle spezialisierte Centers for Disease Control and Prevention CDC Emergency aus dem US-amerikanischen Atlanta twittern. Wo aber ist die WHO oder die amerikanische Regierung? Jedenfalls nicht auf Twitter. Es gibt natürlich auch zuverlässige Quellen im Netz abseits vom Microblogging-Tool, wie sie TechCrunch sehr schön zusammenfasst.

Morozov glaubt, dass internetaffine Cyberterroisten Twitter bald zur Panikmache für ihre Zwecke nutzen könnten. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis sie uns über die nächste Epidemie verrückt machen und die Öffentlichkeit in Angst und Schrecken versetzen werden. Das könne sogar die gesamte Wirtschaft lahm legen. Ein Cyberkrieg sei, so Morozov, häufig sogar noch wirksamer und fataler als Attacken in der “realen” Welt.

Gut, dass es auch Menschen gibt, die den ganzen Aufruhr um die Schweinegrippe mit Humor nehmen, z.B. Twitterer Heck2009 und Karikaturist Randall Munroe:

Swine Flu

7 Antworten zu “Pandemisches Treiben auf Twitter”

  1. Sebastian (Handelskraft)

    “Und Twitter spielt bei der Verbereitung des Angstvirus eine zentrale Rolle.”

    Diese Annahme ist falsch. Twitter spielt keine zentrale Rolle der Furchtverbreitung bezüglich des Schweinegrippenvirus. Zehn Minuten Spiegel Online reichen aus um das zu erreichen. Will sagen, etablierte Medien schüren Panik. Twitter mimt diese Dinge nur nach. Anders hat sich das bei dem Amoklauf verhalten, da dies ein kurzweiliges Szenario war und die Medien für den Götzen etwas bereitstellen mussten, jämmerlich. Ich empfehle die Berichterstattung von Stefan Niggemeier in dieser Sache.

    Was die Grippe angeht, ist das nur Schwarmnachahmen. Jeder darf seine Angst äußern, da der Virus ja auch in die eigenen vier Wände eindringen könnte. Das war beim Amoklauf von Winnenden was anderes. Da stand Twitter in der Tat im Fokus und hatte eine zentrale Rolle des Informationsbedarfs.

    Und ich kann nur ausdrücklich davor warnen, Twitter mit jedem Ereignis ein bisschen mehr größer zu machen, als es ist. Mal ganz von der Panikmache abgesehen, hat Twitter in dieser Sache keine zentrale Rolle. Das ist unangemessen.

  2. Sebastian (Handelskraft)

    Die Zeichnung ist übrigens echt lustig :D .

  3. Anna Friedrich

    Hallo Sebastian,

    vielen Dank für dein Kommentar. Auch wenn die Aussage, das Twitter bei der Verbereitung des Angstvirus’ eine zentrale Rolle spielt, vielleicht etwas überspitzt ist, so bin ich überzeugt davon, dass die Twitter in diesem Fall nicht unterschätzt werden sollte.

    Klar, der 140-Zeichen-Dienst spiegelt das wieder, was die Gesellschaft denkt. Trotzdem sollte doch der Informations- und Nachrichtenwert der Kurzbotschaften im Vordergrund stehen (also in der Masse überwiegen) und nicht das gegenseitige “Pushen” der Panik vor der Schweinegrippe.

    Wenn ich mir SPON durchlese, bekomme ich – im Gegensatz zu Twitter als Informationstool – keine Angst vor der Grippe. Im Gegenteil scheinen doch die deutschen Behörden gut vorbereitet zu sein und ich erfahre, wo der Virus her kommt, wie genau er sich verbreitet… wie ich mich schützen kann (und ob überhaupt). Was auf Twitter transportiert wird, zumindest war das mein Resumé ist: “Oh mein Gott, eine Pandemie bricht aus und keiner weiß, was zu tun ist”.

    Ich finde auch, dass es berechtigt ist, sich Sorgen zu machen, aber ich bin eben gegen eine sinnlose Panikmacherei, die auf Twitter betrieben wird. Ein älterer Themenblog-Beitrag, der hier gut zum Thema passt: Glaubst du dem Internet? http://themenblog.de/?p=845.

  4. Marco

    Ich finde es gar nicht so schlecht, dass WHO etc. sich nicht auf Twitter konzentrieren, sondern ihre Ressourcen auf die Bekämpfung des Virus fokussieren.

  5. Anna Friedrich

    Hi Marco,

    ok, aber was schlägst du vor? Einfach die Fehlinformationen in großem Maße auf Twitter zirkulieren zu lassen? Oder Zensur? ;-)

  6. Sebastian (Handelskraft)

    Nein, da hast du völlig recht, unterschätzen sollte man diesen Microblogging-Dienst nicht, allerdings:

    “Klar, der 140-Zeichen-Dienst spiegelt das wieder, was die Gesellschaft denkt.”
    Das ist ein Irrglaube, der sich irgendwo im Netz verlaufen hat und den jetzt fast jeder kennt oder zu kennen glaubt. Twitter spiegelt nicht wieder, was die Gesellschaft denkt, es spiegelt einzelne webaffine Mitglieder dieser Gesellschaft wieder, die IM NETZ DENKT. Im Netz zu denken ist gerade was Twitter betrifft noch einmal ein riesen Unterschied zum richtigen Leben aus Fleisch und Blut. Und seien wir doch mal ehrlich, wer kann wirklich messen, ob die Twitterer, die jetzt die Panikfanfare blasen, dies wirklich aus Angst tun, oder weil sie virtuelles Profil bedienen? Da sind eine Menge Schaumschläger mit bei, die sich im Netz theatralischer und größer darstellen als sie eigentlich sind. Twitter hat in diesem Fall nicht den Zweck der Informationsverbreitung, sondern das Wichtigmachen (sofern es sich um kreischende Privattwitterer handelt, die in irgendeinem Wolkenkratzer in ihrem Büro sitzen und sich außer diesem Ort und der eigenen Wohnung höchstens noch auf dem Weg dazwischen befinden).

    “Trotzdem sollte doch der Informations- und Nachrichtenwert der Kurzbotschaften im Vordergrund stehen (also in der Masse überwiegen) und nicht das gegenseitige “Pushen” der Panik vor der Schweinegrippe.”
    Das mit dem Pushen sehe ich ganz ähnlich, aber der erste Teil erschließt sich mir nicht. Können 140 Zeichen einen Informations- und Nachrichtenwert enthalten, wenn sie nicht gerade aus verkürzten Links bestehen? Tweets sind meiner Meinung nach Statements, die Statements bleiben. Schon rein technisch. Es ist wohl fraglich ob diese Form der Kurzbotschaften ein Kommunizieren nach außen überhaupt ermöglicht oder ob es beim nutzen vor allem um rauspusten von Gedanken geht, selbstreferenziell und so.

    Ich bekomme ganz akut Angst, wenn ich den Spiegel Online lese. Das hängst aber damit zusammen, dass die ihre Überschriften plakativ im Boulevardstil als Hingucker bringen. Letzenendes wird Spiegel Online auch irgendwann mit dafür verantwortlich sein, dass unsere Panikschwelle sinken wird (das ist mindestens genauso gefährlich, wie das warnende Gefühl der Angst zu verlieren, bzw. keine Angst mehr zu eempfinden, was unvorsichtig macht). Jedes zweite Wort ist hier “Krise”, “Seuche”, “Pandemie”. Man wird desensibilisiert. Dass Spiegel auch noch mehr als 140 Zeichen oder eine Überschrift leistet, ist in keiner Weise bemerkenswert, das ist schließlich deren Job. Bzw. sollte es sein.

    Aber vor allem, wird jeder den Unterschied begreifen zwischen einem redaktionell erstellten Artikel eines etablierten Magazins und einem Hilfe- und Panikruf von Mister X aus Kleinkleckersdorf, der seine Angst auf Twitter äußert. Wenn Twitter und einige Nutzer damit nerven, dann macht man Twitter eben einfach aus und informiert sich woanders. Ich schätze, jeder deutsche Twitter-Nutzer kennt auch gute aufgeklärte Orte im Netz, die er zur Information aufrufen und besuchen kann. Wer Twitter nutzt, bewegt sich im Web weitaus mehr als nur Email-Checks und so weiter. Ich sehe also keine Panik auf Twitter. Nur persönliches Geblubber, was okay ist, das man als erfahrener Web-Nutzer aber panikfrei wegfiltern sollte.

    Und nein, ich glaube dem Internet nicht. Das wäre genauso Unsinn, wie dem Weltraum zu glauben. Das Internet ist groß und in diesem stecken einige gut, verantwrtungsbewusste Quellen, die aufgeklärt und sauber arbeiten und informieren. DENEN glaube ich. Suche ich nach Informationen, dann gehe ich dort hin. Twitter würde ich niemals für sowas benutzen. Wenn ich allerdings blubbernd durchs Web streife – das mache ich auch sehr oft – dann ja, dann benutze ich Twitter auch zur Suche. Aber ich stelle keine relevanten Informationen in deren Adresse. Dafür ist dieses Medium zu offen für jedermann und deswegen nicht glaubwürdig. Zur Unterhaltung, zum Austausch, klar… gerne… zum Connectionknüpfen, zum Blubbern oder zum Linktipps geben… ausgezeichnet.

    Who is afraid of the internet, wäre eine bessere Frage.

    Aber gut, dass wir uns beide gegen eine Panikmache aussprechen.

  7. Marco

    Hi Anna,

    ich denke nicht, dass Zensur eine Option ist oder sein sollte. Hier liegt auch des Pudels Kern: Falschmeldungen wird es ohne Zensur im Internet immer geben. Daher gilt es die Glaubwürdigkeit des Kommunikators einzuschätzen. So wie man es im real life bei wichtigen Entscheidungen auch machen würde. Internetseiten für seriöse Berichterstattungen gibt es (sogar in deutscher Sprache) genug. Gezwitscher von Leuten, die ich nicht kenne oder die ich nicht einschätzen kann, gehören für mich eher zu nicht glaubwürdigen Quellen.

    Freiheit bedeutet leider auch Selbstverantwortung – hier in unserem Beispiel heißt das, sich auf Basis solider Quellen informieren und nicht alles glauben, was man irgendwo liest. Leider sehen das offensichtlich nicht alle so und lassen sich von anonymen tweets (und das sind sie, wenn man die Quelle nicht genügend kennt) verunsichern.

    Was ich aber eigentlich meinte und weshalb ich mich wehrte: Sehr gerne kann jemand versuchen “Gegentweets” zu schreiben oder versuchen die Panik bei Twitter einzudämmen. Prio sollte aber, vor allen Dingen bei der WHO, die Eindämmung der Seuche haben.

    Best,
    Marco

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