Digitale Realität: Der gläserne Online-Bürger

Veröffentlicht am 20. Januar 2010 von Anna Friedrich

Erst denken, dann twittern. Der 26-jährige Brite Paul Chambers hat sich geärgert über die Schließung des Robin Hood Flughafens in Doncaster, Nordengland. Er machte seinem Ärger auf Twitter Luft und dachte, es sei lustig, wenn er verlauten ließe, dass er den Flughafen einfach in die Luft sprengt. Britische Behörden nahmen die Terror-Drohung jedoch ernst. Chambers wurde von einer Anti-Terror-Polizeieinheit verhört, sogar sein Arbeitgeber suspendierte ihn.

buerger_glaesern2Auch Facebook outet Menschen, nicht wenige haben aufgrund unbedachter Postings ihren Job verloren. Das Video Do you have a Facebook? veranschaulicht, wie transparent uns das größte soziale Netzwerk eigentlich macht. Umso beängstigender ist die Aussage des Facebook-Machers Zuckerberg selbst, dass Privatssphäre nicht zeitgemäß sei. Damit rechtfertigt er eine neue Default-Einstellung, die alle Profil-Informationen für jeden sichtbar macht:

People have really gotten comfortable not only sharing more information and different kinds, but more openly and with more people. That social norm is just something that’s evolved over time…

Ein anonymer Facebook-Mitarbeiter berichtet, dass das Netzwerk jeden einzelnen Schritt aufzeichnet und damit irgendwie mehr über uns weiß, als wir selbst. Aus Angst vor Datenschützern hat das VZ-Netzwerk nun nach mehreren Skandalen ein TÜV-Siegel eingeführt. Anstatt sich auf dieses Zertifikat zu verlassen, rät Falk Lüke vom Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) eher dazu, sich bei jedem einzelnen Post bei Twitter, StudiVZ und Co. zu fragen:

Könnte ich es ertragen, dass die von mir veröffentlichten Daten und Bilder am nächsten Morgen auf der Titelseite einer großen Tageszeitung zu finden sind?

Gefährlich wird die Publizität im Netz auch und gerade für Prominente, in deren Privatleben sich Journalisten, Blogger und Twitterer adhoc einmischen. So jüngst geschehen auch im Fall des Fremdgehers Tiger Woods – der Online-Redaktion der Sun wurde zugetragen, dass er sich gerade in einer Sex-Therapie begab. Der Transparenz im Internet zum Opfer fiel auch David Letterman. NYT-Autor Robert Wright hat so recht, wenn er resümiert:

They were victims of the new transparency — the way digital technology, with each passing year, records more and more of our behavior for all the world to see, should it decide to look. (…) So the good news about the new transparency — it makes hypocrisy harder by exposing discrepancies between word and deed — may also be the bad news about the new transparency.

Lügen haben kurze Beine – auch wenn der Exhibitionismus online dazu verführt, Unwahrheiten zu erzählen (s. Artikel (K)ein Spiegelbild in sozialen Netzwerken). Das Tracken und Auswerten von Online-Daten dient zu unserem eigenen Schutz einerseits, macht uns gleichzeitig jedoch zum gläsernen Bürger, WENN wir ehrlich sind. Zudem wecken Online-Profile und Status-Updates Begehrlichkeiten: wir sind neugierig auf andere, recherchieren im Netz und entwickeln im schlimmsten Fall Stalker-Manien.

3 Antworten zu “Digitale Realität: Der gläserne Online-Bürger”

  1. Tweets die Themenblog » Blog Archiv » Digitale Realität: Der gläserne Online-Bürger erwähnt -- Topsy.com

    [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Anika Geisel, Toralf Gerstäcker und PKW, Jochen Erbacher erwähnt. Jochen Erbacher sagte: nicht zu unterschätzen: Der gläserne Online-Bürger – "Erst denken, dann twittern" http://bit.ly/buWnRp (via @anikageisel) [...]

  2. Tweets die Themenblog » Blog Archiv » Digitale Realität: Der gläserne Online-Bürger erwähnt -- Topsy.com

    [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Frank Becker, CBVHKO, Tiffany Brothel, Piet, Michael Bornkessel und anderen erwähnt. Michael Bornkessel sagte: RT @iNetBlog: #DPA : Verbraucherschützer warnen vor #Facebook's „Farmville“ #Abofalle #illegaleGeldabuchungen http://bit.ly/bzs9J7 [...]

  3. Der gläserne Bürger | Postswitch

    […] Bildquelle: http://themenblog.de […]

Hinterlasse eine Antwort