Kommunikation ohne Grenzen

Veröffentlicht am 02. Februar 2010 von Anna Friedrich

We have become such experts at being always in touch, informed, connected. Now must relearn how to be silent, disconnected, alone.

Autor Alain de Botton findet auf Twitter treffende Worte für das Kommunikationsdesaster von heute: immer und überall sind wir erreichbar, “always on”. Das klassische Sender-Empfänger-Modell steht einer unüberschaubaren Menge an Kommunikationskanälen gegenüber.

Die Internetnutzung wächst und damit unsere digitale Verfügbarkeit, vor allem in sozialen Netzwerken. Hinzu kommt der Mobilfunk, der den Analoganschluss mehr und mehr überflüssig macht. Wenn wir heute jemanden treffen, sieht das ungefähr so aus:

I had this guy leave me a voicemail at work, so I called him at home, and then he emailed me to my BlackBerry, and so I texted to his cell, and now you just have to go around checking all these different portals just to get rejected by seven different technologies.

Wie verschiebt sich mit dieser Erreichbarkeit unser Kommunikationsverhalten? Die sozialen Netzwerke wissen Bescheid über unsere Vorlieben und die unserer Freunde. Tools wie Facebook Connect erlauben es uns, unseren “sozialen Graphen” problemlos überall hin zu tragen.

Dies ermöglicht personalisierte Werbung und beeinflusst nicht nur deshalb unsere Kaufentscheidungen. Marken haben eine breite Spielwiese, um dieses Thema noch weiter zu spinnen. Eines der Szenarien, welches der Economist beschreibt:

As you are buying a pair of running shoes that you think one of your friends might be interested in, you can send a picture to their network page with a couple of clicks on a keypad next to the checkout counter. (…) Everything from cars to cookers could ultimately have social connectivity embedded in it.

Möglich macht das die Mobilität der sozialen Netzwerke via Handy. So fand eine Opera-Trendanalyse heraus, dass allein die mobile Nutzung von Facebook im vergangenen Jahr um satte 619 Prozent zulegte (!) und damit das am häufigsten mobil genutzte Social Network weltweit ist. Unschlagbar ist Twitter mit einem Wachstum von 2859 Prozent. Das mobile Surfen ist bereits auf dem Weg, die Internetnutzung via Computer zu überholen. Laut Berechnungen von eMarketer werden in nur drei Jahren über 600 Millionen Menschen ihr Handy zum sozialen Netzwerken einsetzen. 2009 waren es noch 140 Millionen User. Auch fürs Shopping finden mobile Endgeräte verstärkten Einsatz. Eine Motorola-Studie belegt: während der Feiertage Ende 2009 haben über die Hälfte der Nutzer bevorzugt per Handy eingekauft.

Ein klarer Trend, der sich aus der Mobilisierung unserer eigenhändig gespinnten Online-Netze ergibt: location-based services. Applikationen von AkaAki über Gowalla hin zu Foursquare, das als “The next big thing” gehandelt wird, lokalisieren unseren Standort. Sie bedienen uns mit Angeboten in der Umgebung, zeigen uns an, welche Personen aus unserem Netzwerk sich in der Nähe befinden. Während die einen vom “Ortsstatus” nicht genug bekommen können – schließlich kann man spontan Treffen arangieren – ist es ein Alptraum à la Bigbrother für Skeptiker, wie der Economist es beschreibt:

To people who run social networks, location-based networking is a logical extension of their efforts to humanise technology and harness it to the cause of greater global openness. The networks’ founders seem to have an almost Utopian belief in the benefits that their creations will deliver.

Utopie? Ein Leben im kontinuierlichen “Status-Update” ist aus meiner Sicht unvorstellbar. Deshalb stimme ich Alain de Botton zu – wir brauchen einen Weg aus dem Trubel der Konnektivität hinaus zu einem gesunden Maß zwischen “on” und “off”. Die Social-Media-Müdigkeit verstärkt den Wunsch nach etwas weniger Digitalität.

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