Archiv für März 2010

iProcrastinate

Veröffentlicht am 25. März 2010 von Anna Friedrich | Bloggerei, Medien 2.0

6a00e008c45151883401310fc6bf39970c-450wi

Tom Fishburne bringt in seiner Illustration auf den Punkt, wie man einen Tag nach dem verbringen kann, ohne produktiv zu sein (siehe auch Themenblog-Artikel Und täglich grüßt die Informationsflut). David Hieatt bringt das auf die Formel eines umgekehrten Pareto-Prinzips. Demnach verbringen wir 80 Prozent der Zeit mit Dingen, in denen wir nicht gut sind oder die uns keinen Schritt weiterbringen. Ein Ende setzen könne man, wenn man sich auf die konzentriert, in denen man wirklich brilliert:

You don’t need more time in the day. You don’t need to work longer hours. You don’t need to work weekends. You just need to spend more time on what you are brilliant at. And less time on all that other stuff.

Journalismus 2.0: Echtzeit statt Echtheit?

Veröffentlicht am 24. März 2010 von Anna Friedrich | Journalisten, Medien 2.0

Soziale Netzwerke sind die neue Aktionsbühne für das Volk. Während der Konsument sich der digitalen Revolution voll und ganz hingibt, sind Qualitätsmedien längst nicht so weit. Sie sehen sich auf der Suche nach profitablen Online-Geschäftsmodellen als Konkurrenz. Dabei sollten sie vielmehr gemeinsam gesellschaftspolitische Verantwortung übernehmen, so der ZDF-Intendant Markus Schächter an den Mainzer Tagen der Fernsehkritik.

In seiner Eröffnungsrede (PDF) warnt er vor der Vermengung von Blogs, sozialen Netzwerken und klassischen Medien. In einer Welt “digitaler Kakophonie” besteht die Gefahr, dass die Glaubwürdigkeit der Medien im Kampf um die Klickraten auf der Strecke bleibt. User-generierte Inhalte in den sozialen Netzwerken, so eine seiner Thesen, dürfen aufgrund ihrer Laienhaftigkeit professionellen Journalismus nicht ersetzen. Im Gegenteil: sie sind Anlass für Qualitätsmedien, sich in sozialen Netzwerken neu zu (er)finden. Echtheit trotz Echtzeit – keine einfache Aufgabe. Schächter fragt als journalistischer Stellvertreter nach der neuen Rolle der Medien:

Wie kann aus Zufalls-, Individualitäts- und Begegnungs-Journalismus die für unsere Gesellschaft so wichtige Glaubwürdigkeits-Publizität werden? Wo bleiben die Axiome eines bisher selbstverständlich dominanten Ethos von Information, bei dem journalistische Professionalität als Glaubwürdigkeitsagentur fungierte? Es ist alles andere als selbstverständlich, dass klassischer Journalismus auch in der digitalen Welt seine gesellschaftlichen Aufgaben wahrnehmen kann.

Anders als in USA hat es Qualitätsjournalismus im Netz hierzulande schwerer. Das liegt nicht nur an der Akzeptanz, sondern auch am Fehlen eines sinnvollen Erlösmodells für Medienkonzerne und -verlage. Der ZDF-Intendant erklärt daher den Wandel des Journalismus zum Gesellschaftsproblem, für dessen Lösung letzendlich neben den öffentlich rechtlichen Sendern auch die Politik verantwortlich ist:

Im opulenten Vollbesitz aller technischen Möglichkeiten darf eine Mediengesellschaft das kostbare Gut medialer Seismographen als soziales Frühwarnsystem für die relevanten Themen und Probleme nicht verantwortungslos verschleudern. Die soziale Verantwortung und Herausforderung liegt nicht alleine bei den Qualitätsmedien, sondern wesentlich auch in den medienpolitischen Rahmenbedingungen.

Das Internet ist eine Schatzsammlung für Quellen aller Art – hierzulande leider nur teilweise als solche geschätzt. Journalisten sollten von dem Fundus in Blogs und auf Twitter profitieren, das befürwortet auch der für seine Recherchen ausgezeichnete Guardian-Journalist Paul Lewis:

I wasn’t convinced about Twitter at first, but it quickly turned out to be quite useful for investigating. Twitter is not just a website and not micro-blogging, it is an entirely different medium- like email, fax ore even newspapers. The way in which information travels on Twitter – the shape of it – is different to anything that we’ve previously known.

Die digitale Informationsflut vernichtet den Wunsch der Bürger nach Qualitätsjournalismus. Für Schächter gibt es entsprechend der Einstellung von Lewis nur eine Quintessenz:

Wir können, sollen und müssen vielem im Netz misstrauen, aber wir müssen uns selbst ins Netz trauen – und uns dort auch etwas zutrauen -, damit uns am Ende vor allem die Menschen vertrauen.

Die Macht der Spin Doctors

Veröffentlicht am 18. März 2010 von Anna Friedrich | Journalisten, Medien 1.0, Medien 2.0, PR 1.0

Journalisten sind neutral und unabhängig, so zumindest der Berufsethos. Aber “erst kommt das Fressen und dann die Moral.” Denn dem Australian Centre for Independent Journalism (ACIJ) und dem Medienportal Crikey liegen andere Befunde vor, nach denen Medienmacher durchaus beeinflussbar. Eine ausführliche Medienanalyse ergab, dass über die Hälfte (55 Prozent) der untersuchten Texte unter PR-Einfluss entstanden. In der größten australischen Boulevardzeitung, The Daily Telegraph, waren durchschnittlich gar 70 Prozent aller Inhalte das Ergebnis von PR. Die etwas seriösere Tageszeitung, The Sydney Morning Herald kommt vergleichsweise glimpflich davon mit etwa 42 Prozent ge”spin”ter Artikel.

Hierzu nahmen 40 Studenten im Zeitraum von sieben Tagen 2203 Artikel aus 10 Tageszeitungen unter die Lupe. Sie analysierten und kritisierten Sie die Inhalte und befragten jeden einzelnen Journalisten persönlich, um einen möglichen PR-Effekt zu beurteilen. Größtenteils fühlten sich die Schreiber angegriffen von den Fragen. Was aber ist dabei, wenn Unternehmen bzw. ihre PR-Vertreter mit den Medien in Kontakt stehen und sie auf dem Laufenden halten? Es dient ihnen zur Image-Pflege und verkürzt die ohnehin knappe Recherche-Zeit des Redakteurs.Die einst “rasenden Reporter” kämpfen in einer Branche, die voll unter der Krise leidet. Spin Doctors wissen, wie der Markt läuft und haben spannende Geschichten in petto. Eigentlich eine Win-Win-Situation, wäre es denn so einfach.

SPINNINGTHEMEDIAbanner

Chris Mitchell, Chefredakteur von The Australian, war einer der wenigen ehrlichen Kandidaten. Er verteidigt das Verhalten mit dem Wandel des Journalismus:

It’s very difficult I think, given the way resources have drifted from journalism to public relations over the past 30 years, to break away as much as you really want to … I guess I’m implying, the number of people who go to communications school and go into PR over the years has increased and the number in journalism has shrunk even more dramatically.

Die Gratiskultur im Netz erschwert die materielle Unabhängigkeit für Medienmacher deutlich. Informationen in Blogs, Foren und soziale Netzwerken verwischen die Grenzen zu “offiziellen” Quellen sowieso. Noch gibt es den unabhängige Journalisten, allerdings stirbt die Wertschätzung für hochwertige Beiträge aus, so die Fernsehmoderatorin und Journalistin. Doch ist Unabhängigkeit ein unbedingtes Muss, um Qualitätsjournalismus am Leben zu erhalten, davon ist Maybritt Illner überzeugt:

Journalismus ist etwas anderes: ein Handwerk. Seine Grundlage ist die gründliche Recherche, die Informationen prüft und gewichtet und anschließend auch kommentiert.

Der Bedarf an Inhalten steigt, während die Anzahl von Journalisten, die von ihrem Job leben können, stetig abnimmt. Ein funktionierendes Gebührenmodell für Online-Medien gibt es (immer noch) nicht. Auch deshalb findet eine Verschiebung statt, die “rasenden Reporter” werden zu dankbaren Abnehmern von Geschichten, die Ihnen quirlige PR-Berater liefern. Das bestätigt auch Frau Illners Aussage:

Wussten Sie, dass es in den USA schon lange und jetzt auch in Berlin mehr PR-Leute, Pressesprecher und Werber gibt als Journalisten? (…) In den USA erleben wir ein Massensterben von Qualitätsmedien (vor allem Zeitungen), in Frankreich stützt der Staat Zeitungen und Online-Medien mit Milliarden.

Staatliche Subventionen brauchen, um das Überleben des Journalismus zu sichern? Ein Journalist ist immer noch unabhängig, wenn er selbst darüber entscheidet, ob eine ihm zugetragene News interessant und relevant ist. Mit welcher Tonalität und aus welchem Standpunkt er diese aufbereitet, obliegt nach wie vor ihm.

Chatroulette: Exhibitionismus pur

Veröffentlicht am 11. März 2010 von Anna Friedrich | Soziale Netzwerke

Bildschirmfoto 2010-03-11 um 12.38.08Bildschirmfoto 2010-03-11 um 12.23.18

Bisher rühmte sich der Video-Chat nach Zufallsprinzip mit Anonymität. Die Chatroulettemap setzt dem ein Ende: die Landkarte lokalisiert in Echtzeit, wer, wann und wo online ist.

French Connection spielt russisches (Chat)Roulette

Veröffentlicht am 08. März 2010 von Anna Friedrich | Online-Relations, Soziale Netzwerke, Virales Marketing, Web 2.0

Bildschirmfoto 2010-03-08 um 13.43.02Das Klamottenlabel French Connection (FCUK) hat als erste Marke eine Social Media Kampagne gestartet, die den neuesten und vielleicht auch abartigsten Schrei im Netz einsetzt. Chatroulette ist eine Plattform für Videochats nach dem Zufallsprinzip.  Die Systematik ist ganz einfach: Man startet Chatroulette und bekommt den ersten Videopartner. Ist dieser nicht interessant, klicken die Chatter auf “next” und schon geht das Spiel von vorne los.

Erfinder des Chat-Experiments der 17-jährige Russe Andrej Ternowskij – er suchte eine Möglichkeit, mit seinen Freunden online per Video zu kommunizieren. Gut 1,5 Millionen Nutzer weltweit, davon ein Drittel aus USA, suchen mittlerweile auf Chatroulette die etwas anderem Art der Konversation. Im Gegensatz zum Aussterben der Privatsphäre auf den gängigen sozialen Netzwerken, kann man sich hier völlig anonym von Webcam zu Webcam hangeln.

Bei einem Männeranteil von über 70 Prozent ist klar, wer die größere Auswahl hat. Und hier greift die FCUK-Idee MANIFESTO an:

Men have lost the ungentle art of manliness. The man in the street doesn’t know what to bring to a knife fight. He gets nervous around large fish. He can’t tie a full Windsor. It’s time to man up. (…) If you rise above the sea of failing man and charm a woman on Chatroulette, we’ll give you a token for a real-life winning outfit.

Männer werden aufgefordert, dort eine Frau zu verführen und dies entsprechend als Beweis aufzunehmen. Der Gewinn ist ein Gutschein für FCUK-Kleidung im Wert von 250 Pfund. Eine ausgefallene und vor allem mutige Aktion, um Fans zu involvieren: die FCUK-Klientel ist sicherlich weit entfernt vom Großteil eines 08/15 Chatroulette-Nutzers. Laut Mashable sind es 14 Prozent Perverslinge – will sich die Marke wirklich mit solchen Menschen auf eine Stufe stellen? Oder kommt es darauf gar nicht an? Auf dem Blog der Kampagne finden sich einige lustige Versuche von Bewerbern.

Bildschirmfoto 2010-03-08 um 15.55.38

Medienkonsum 2.0: Überall und partizipativ

Veröffentlicht am 01. März 2010 von Anna Friedrich | Medien 2.0, Web 2.0

Promiscuity is the new reality, ubiquity is the new exclusivity.

Auch Ariana Huffington ist sich dessen bewusst: im Internetzeitalter sie sind überall – nicht Ratten, sondern Nachrichten. Im World Wide Web gibt es jede News in allen denkbaren Versionen auf einer Vielzahl von Plattformen. Die Auswahl an Informanten ist schier unbegrenzt, schließt man Blogs als “offizielle” Quelle mit ein.

Die neue Internet-Studie des Forschungsinstituts Pew berichtet, dass 92 Prozent aller US-Amerikaner mehrere dieser Kanäle nutzen, um sich über Aktuelles zu informieren: von lokalen und nationalen TV-Sendern über das Internet hin zu lokalen und nationalen Zeitungen hin zum Radio sind alle Medien vertreten, die zum Informationsspektrum gehören. 46 Prozent der Befragten geben an, “nur” vier bis sechs davon zu nutzen. Gerade einmal sieben Prozent nutzen lediglich eine einzige Medienquelle, um sich auf dem Laufenden zu halten.

Persönliches Multi-Chanelling
Knapp zwei Drittel (59 Prozent) der Amerikaner nutzen laut Pew On- und Offline-Resourcen gleichermaßen. Newsportale sind an dritter Stelle der Beliebtheitsskala und zwar nach lokalen und nationalen TV-Sendern. Online nutzen die meisten Befragten zwei bis fünf News-Seiten, 65 Prozent bevorzugen keinen Anbieter. Lediglich 21 Prozent verlassen sich auf eine einzige Quelle.

Die Kanäle, die zur Auswahl stehen, sind vielfältig. Mit der steigenden Anzahl an Möglichkeiten verändert sich die Beziehung des Menschen zum Nachrichtenkonsum: Aktuelles wird ortsunabhängig, personalisiert und motiviert jederzeit die (An)Teilnahme der Leser.

News im Pocket-Format
33 Prozent der befragten US-Handy-Nutzer rufen Nachrichten mobil ab, 28 Prozent nutzen personalisierte Startseiten im Netz und 37 Prozent tragen aktiv zu Nachrichten bei – z.B. über Kommentare oder das Teilen des Links. Dabei interessant ist: Konsumenten, die Nachrichten auf dem Handy lesen, lesen mit 50-Prozent höherer Wahrscheinlichkeit auch die gedruckte Version nationaler Zeitungen.

Neutrale und lokale Berichterstattung ade
Nachrichten müssen objektiv? Knapp die Hälfte der Studienteilnehmer (49 Prozent) sagt aus, dass sie gerne Quellen nutezn, die eine Meinung zum Thema äußern. 31 Prozent lesen gerne diejenigen Autoren, die ihren Standpunkt vertreten, 11 Prozent bevorzugen widersprüchliche Ansichten.

smallgqvoguewirednyttmock1Pew fand auch heraus, dass lokale Nachrichten keineswegs zu den bevorzugten Informatoinskanälen gehören. Beliebtestes Online-Thema ist – worüber spricht man auch, wenn man sonst nichts zu reden weiß – das Wetter. Dem folgen die Themen Internet (81 Prozent), nationale Ereignisse (73 Prozent), Gesundheit und Medizin (66 Prozent). Die ausführlichen Ergebnisse gibt es im Studien-Bericht zum Nachlesen.

Das Ende der klassischen Werbeanzeigen?
Für Pew-Projektleiter Tom Rosenstiel stellen die Ergebnisse ganz klar klassische Geschäftsmodelle in Frage:

The data suggest that the notion of a primary news source is almost obsolete. People graze. I think it’s increasingly clear that conventional popups and display advertising aren’t going to work.

Wie wird dann erst der Launch des iPads die Medienlandschaft verändern? Und was stellt es mit uns als Konsumenten an?