Die Macht der Spin Doctors

Veröffentlicht am 18. März 2010 von Anna Friedrich

Journalisten sind neutral und unabhängig, so zumindest der Berufsethos. Aber “erst kommt das Fressen und dann die Moral.” Denn dem Australian Centre for Independent Journalism (ACIJ) und dem Medienportal Crikey liegen andere Befunde vor, nach denen Medienmacher durchaus beeinflussbar. Eine ausführliche Medienanalyse ergab, dass über die Hälfte (55 Prozent) der untersuchten Texte unter PR-Einfluss entstanden. In der größten australischen Boulevardzeitung, The Daily Telegraph, waren durchschnittlich gar 70 Prozent aller Inhalte das Ergebnis von PR. Die etwas seriösere Tageszeitung, The Sydney Morning Herald kommt vergleichsweise glimpflich davon mit etwa 42 Prozent ge”spin”ter Artikel.

Hierzu nahmen 40 Studenten im Zeitraum von sieben Tagen 2203 Artikel aus 10 Tageszeitungen unter die Lupe. Sie analysierten und kritisierten Sie die Inhalte und befragten jeden einzelnen Journalisten persönlich, um einen möglichen PR-Effekt zu beurteilen. Größtenteils fühlten sich die Schreiber angegriffen von den Fragen. Was aber ist dabei, wenn Unternehmen bzw. ihre PR-Vertreter mit den Medien in Kontakt stehen und sie auf dem Laufenden halten? Es dient ihnen zur Image-Pflege und verkürzt die ohnehin knappe Recherche-Zeit des Redakteurs.Die einst “rasenden Reporter” kämpfen in einer Branche, die voll unter der Krise leidet. Spin Doctors wissen, wie der Markt läuft und haben spannende Geschichten in petto. Eigentlich eine Win-Win-Situation, wäre es denn so einfach.

SPINNINGTHEMEDIAbanner

Chris Mitchell, Chefredakteur von The Australian, war einer der wenigen ehrlichen Kandidaten. Er verteidigt das Verhalten mit dem Wandel des Journalismus:

It’s very difficult I think, given the way resources have drifted from journalism to public relations over the past 30 years, to break away as much as you really want to … I guess I’m implying, the number of people who go to communications school and go into PR over the years has increased and the number in journalism has shrunk even more dramatically.

Die Gratiskultur im Netz erschwert die materielle Unabhängigkeit für Medienmacher deutlich. Informationen in Blogs, Foren und soziale Netzwerken verwischen die Grenzen zu “offiziellen” Quellen sowieso. Noch gibt es den unabhängige Journalisten, allerdings stirbt die Wertschätzung für hochwertige Beiträge aus, so die Fernsehmoderatorin und Journalistin. Doch ist Unabhängigkeit ein unbedingtes Muss, um Qualitätsjournalismus am Leben zu erhalten, davon ist Maybritt Illner überzeugt:

Journalismus ist etwas anderes: ein Handwerk. Seine Grundlage ist die gründliche Recherche, die Informationen prüft und gewichtet und anschließend auch kommentiert.

Der Bedarf an Inhalten steigt, während die Anzahl von Journalisten, die von ihrem Job leben können, stetig abnimmt. Ein funktionierendes Gebührenmodell für Online-Medien gibt es (immer noch) nicht. Auch deshalb findet eine Verschiebung statt, die “rasenden Reporter” werden zu dankbaren Abnehmern von Geschichten, die Ihnen quirlige PR-Berater liefern. Das bestätigt auch Frau Illners Aussage:

Wussten Sie, dass es in den USA schon lange und jetzt auch in Berlin mehr PR-Leute, Pressesprecher und Werber gibt als Journalisten? (…) In den USA erleben wir ein Massensterben von Qualitätsmedien (vor allem Zeitungen), in Frankreich stützt der Staat Zeitungen und Online-Medien mit Milliarden.

Staatliche Subventionen brauchen, um das Überleben des Journalismus zu sichern? Ein Journalist ist immer noch unabhängig, wenn er selbst darüber entscheidet, ob eine ihm zugetragene News interessant und relevant ist. Mit welcher Tonalität und aus welchem Standpunkt er diese aufbereitet, obliegt nach wie vor ihm.

Hinterlasse eine Antwort