Journalismus 2.0: Echtzeit statt Echtheit?

Veröffentlicht am 24. März 2010 von Anna Friedrich

Soziale Netzwerke sind die neue Aktionsbühne für das Volk. Während der Konsument sich der digitalen Revolution voll und ganz hingibt, sind Qualitätsmedien längst nicht so weit. Sie sehen sich auf der Suche nach profitablen Online-Geschäftsmodellen als Konkurrenz. Dabei sollten sie vielmehr gemeinsam gesellschaftspolitische Verantwortung übernehmen, so der ZDF-Intendant Markus Schächter an den Mainzer Tagen der Fernsehkritik.

In seiner Eröffnungsrede (PDF) warnt er vor der Vermengung von Blogs, sozialen Netzwerken und klassischen Medien. In einer Welt “digitaler Kakophonie” besteht die Gefahr, dass die Glaubwürdigkeit der Medien im Kampf um die Klickraten auf der Strecke bleibt. User-generierte Inhalte in den sozialen Netzwerken, so eine seiner Thesen, dürfen aufgrund ihrer Laienhaftigkeit professionellen Journalismus nicht ersetzen. Im Gegenteil: sie sind Anlass für Qualitätsmedien, sich in sozialen Netzwerken neu zu (er)finden. Echtheit trotz Echtzeit – keine einfache Aufgabe. Schächter fragt als journalistischer Stellvertreter nach der neuen Rolle der Medien:

Wie kann aus Zufalls-, Individualitäts- und Begegnungs-Journalismus die für unsere Gesellschaft so wichtige Glaubwürdigkeits-Publizität werden? Wo bleiben die Axiome eines bisher selbstverständlich dominanten Ethos von Information, bei dem journalistische Professionalität als Glaubwürdigkeitsagentur fungierte? Es ist alles andere als selbstverständlich, dass klassischer Journalismus auch in der digitalen Welt seine gesellschaftlichen Aufgaben wahrnehmen kann.

Anders als in USA hat es Qualitätsjournalismus im Netz hierzulande schwerer. Das liegt nicht nur an der Akzeptanz, sondern auch am Fehlen eines sinnvollen Erlösmodells für Medienkonzerne und -verlage. Der ZDF-Intendant erklärt daher den Wandel des Journalismus zum Gesellschaftsproblem, für dessen Lösung letzendlich neben den öffentlich rechtlichen Sendern auch die Politik verantwortlich ist:

Im opulenten Vollbesitz aller technischen Möglichkeiten darf eine Mediengesellschaft das kostbare Gut medialer Seismographen als soziales Frühwarnsystem für die relevanten Themen und Probleme nicht verantwortungslos verschleudern. Die soziale Verantwortung und Herausforderung liegt nicht alleine bei den Qualitätsmedien, sondern wesentlich auch in den medienpolitischen Rahmenbedingungen.

Das Internet ist eine Schatzsammlung für Quellen aller Art – hierzulande leider nur teilweise als solche geschätzt. Journalisten sollten von dem Fundus in Blogs und auf Twitter profitieren, das befürwortet auch der für seine Recherchen ausgezeichnete Guardian-Journalist Paul Lewis:

I wasn’t convinced about Twitter at first, but it quickly turned out to be quite useful for investigating. Twitter is not just a website and not micro-blogging, it is an entirely different medium- like email, fax ore even newspapers. The way in which information travels on Twitter – the shape of it – is different to anything that we’ve previously known.

Die digitale Informationsflut vernichtet den Wunsch der Bürger nach Qualitätsjournalismus. Für Schächter gibt es entsprechend der Einstellung von Lewis nur eine Quintessenz:

Wir können, sollen und müssen vielem im Netz misstrauen, aber wir müssen uns selbst ins Netz trauen – und uns dort auch etwas zutrauen -, damit uns am Ende vor allem die Menschen vertrauen.

Eine Antwort zu “Journalismus 2.0: Echtzeit statt Echtheit?”

  1. Real time media in Germany « Media Flair

    [...] In a panel discussion in 2007, Michael Konken, federal chairman of the German Union of Journalists, said that online media needs to be evaluated under enhanced quality criteria in order to separate rubbish from quality. According to him, the internet provides a platform for “mucky pups” who describe themselves to be journalists. Konken said that they infringe personal rights and they don’t comply with the postulates such as veracity, objectivity and integrity. In addition, he claims that blogs are nothing more than a playground for people who are to fainthearted to publish their opinion in public and under their real names. Three years later, German journalists have acknowledge the high value of online journalism, although the fear to suffer a loss of credibility and quality are still main arguments against the change of journalistic craft. Markus Schächter, indendant of the ZDF, said that user generated content and its amateurishness mustn’t replace professional journalism. [...]

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