Online-Glückseligkeit?

Veröffentlicht am 01. Oktober 2010 von Anna Friedrich

“Glück ist das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt”, diese Weisheit bekommt im Internet eine ganz andere Bedeutung: Wir teilen mit Spaß und Freude unsere digitale Identität mit anderen, vom gekauften Schnäppchen über die aktuelle Gemütslage hin zum aktuellen Ortsstatus. Doch: Das Netz bringt uns dazu, uns ständig in Beziehung zu anderen zu setzen, anstatt auch mal das Alleinsein zu genießen. Wir begeben uns in Abhängigkeit dieser Technologie und geben unsere Privatssphäre auf.

So steht der Literaturwissenschaftler William Deresiewicz der zunehmenden Vernetzung online sehr kritisch gegenüber. Man tauscht, davon ist er überzeugt, vielmehr die Qualität einer Freundschaft gegen eine Quantität ein. Verbindungen sprich Freundschaften sind oberflächlich und deshalb aus seiner Sicht wenig erfüllend, erklärt er das Missverhältnis in “Faux Friendships”:

Das Merkwürdige ist doch, dass wir immer glauben, dass eine neue Technik ein vorhandenes Bedürfnis befriedigt. Tatsächlich schafft sie dieses Bedürfnis oft erst. In diesem Fall ist das der Wunsch, 24 Stunden am Tag zu wissen, was unsere Freunde machen. Aber darum geht es in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht. Ein Freund ist nicht der, der mir jeden blödsinnigen Gedanken mitteilt, der ihm im Kopf herum geht – ein Freund ist der, den ich sechs Monate nicht sehe, für den ich mir aber dann ein ganzes Wochenende Zeit für Gespräche mit ihm nehme.

Dass wir den Begriff Freundschaft dank Facebook und Co. gänzlich neu definiert haben, zeigt auch die Tatsache, dass die Entfreundung auf dem sozialen Netzwerk bei Menschen zu einem Gefühl der Einsamkeit führt. Sie bringt absurderweise fast genauso viel Stress für die Betroffenen, wie eine echte Kündigung der Freundschaft.
Eine Studie der British Computer Society (BCS) will jedoch beweisen: Das Internet macht glücklich. Das Netz bietet ein unerschöpfliches Repertoire und Wissen, Informationen und Zugang zu anderen Kulturen. Damit gibt es Nutzern ein stärkeres Freiheits- und Kontrollgefühl, was sich wiederum positiv auf ihr Wohlbefinden auswirkt, so die Quintessenz der BCS-Analysten. Besonders trifft dies auf Frauen, geringer verdienende Schichten sowie User mit niedrigerem Bildungsniveau zu. “IT empowers the desimpowered”, schlussfolgert der Bericht. Vorsitzende des BCS, Elizabeth Sparrow, betont, dass Informationstechnologien umsonst mit negativen Assoziationen versehen werden:

Too often conventional wisdom assumes IT has a negative impact on life satisfaction, but the research has found the opposite to be true. IT has a direct positive impact on life satisfaction, even when controlling for income and other factors known to be important in determining well-being.

Eine Legitimation für Nerds sind die Befunde wohl kaum. Auf der ankündigenden Pressekonferenz sagte Paul Flatters vom durchführenden Befragungsinstitut Trajectory Partnership:

Facebook makes us happier. Given the immediate uplift in life satisfaction that people experience when using social networking, teaching people about how to use services like Facebook could be a more effective way of bridging the digital divide and getting people online.

Kurzfristig mag das wohl stimmen. Wir bleiben mit Freunden und Marken in Kontakt – oberflächlich – und teilen unser sonst so einsames Leben. Doch sollten wir, wie Deresiewicz zu recht bemängelt, einmal überlegen, wie viel mehr wir von einer wahren Freundschaft und den “echten” Kontakten im Leben haben.

So hat kürzlich der Versuch der Harrisburg University of Science and Technology in Pennsylvania, USA gezeigt, wozu der Facebook-Entzug von 800 Studenten führen kann. Zu Beginn der einwöchigen Enthaltsamkeit kämpften die Probanden schwer damit, sich nicht digital mitteilen zu dürfen. Doch mit der Zeit gewöhnten sie sich und konzentrierten sich besser aufs Studium. Eric Darr, Hochschuldirektor, freute sich darüber, dass viele Studienteilnehmer die persönliche Kommunikation wieder mehr wertschätzten und ihren Alltag insgesamt als weniger stressig empfanden:

Only by stopping and paying attention can we understand. We may not even be aware that social media plays a big part in what we do and how we do it. Face-to-face meetings and relating through Facebook is probably the way to go.

3 Antworten zu “Online-Glückseligkeit?”

  1. Lars Fischer

    Und was ist ne wahre Freundschaft und ein echter Kontakt?
    Damit kannst du ganz sicher nicht solche Leute meinen, mit denen wir nur noch über so distanzierte Medien wie Telefon oder Briefe kontakt halten und bestenfalls einmal im Jahr treffen. Und wieviel Zeit das auch noch kostet! Da wäre es doch viel besser, wenn wir den Mist gleich ganz weglassen und uns mehr den Leuten beschäftigen, die wir jeden Morgen beim Bäcker treffen. Das nämlich ist wahre Freundschaft!

    In ca. 10.000 Jahren Literatur, Dichtung und Gesang ist wahre Freundschaft meines Wissens noch nie über ein Medium definiert worden. Jene, die uns dauernd erzählen, dass man keine “wahren” Freunde übers Internet haben könne, scheinen nicht allzu viel von Freundschaft zu verstehen.

  2. Moritz Micalef

    Endlich! Seit dieser Facebook-Unsinn epidemisch um sich greift predige ich bei jeder Gelegenheit, was für ein Übermaß an Profanität unseren Alltag überschwemmt. Jeder fühlt sich ermutigt, sich selbst zu veräußern. Sei es noch so unwichtig, es wird kommuniziert. Aber Kommunikation ist kein Wert an sich: reden und etwas sagen sind zwei verschiedene Paar Schuhe, oder nicht?
    Gefährlicher aber ist noch die vermeintliche Nähe, die dieses unsinnige Geplapper suggeriert. Intimität braucht Tiefe,persönliche Affinität und Empathie. Facebook braucht hingegen Egozentrismus. Was nun?

  3. Anna Friedrich

    Danke für Eure Kommentare. Das aktuelle Interview mit Jesse Eisenberg zum nun wirklich ausreichend häufig diskutierten Facebook-Film verdeutlicht die Zuckerberg-Mentalität, die das Netzwerk zu dem gemacht hat, was es ist: „Facebook ist wichtiger als Freundschaft“. Wer braucht schon Freunde, wenn er knapp sieben Milliarden Dollar auf dem Konto hat ;)

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