Archiv für Januar 2012

Die Kunst der Media Relations: Be unexpected

Veröffentlicht am 25. Januar 2012 von Anna Friedrich | Medien 1.0, Medien 2.0, PR 1.0, Presseschau

Konsumenten werden von allen Seiten überfrachtet mit der Sehnsucht der Marketiers, Absatz zu generieren, wie Goodbuzz bemerkt. Das gilt aber nicht nur für die Werbebranche. Auch Medienvertreter fühlen sich häufig bombardiert mit “Nachrichten” von Pressearbeitern.

Deshalb gilt für die PR: Standard ist out. Klar gibt es Unternehmensnachrichten, die nicht besonders brisant sind, aber in die Schlagzeilen gehören. Pressemitteilungen ohne jeglichen Neuigkeits- und Innovationsgehalt sind vor allem unerwünscht. Hier ein paar beachtenswerte PR-Regeln:

  1. (1) Gibt es aktuelle Themen, die indirekt mit dem eigenen Produkt oder der eigenen Dienstleistung in Verbindung stehen? Dann ist jetzt die Chance, aktuelle Aufhänger zum Surfen auf der Wahrnehmungswelle zu nutzen und so ins Gespräch zu kommen.
  2. (2) Denn die pure Existenz eines Unternehmens ist meist keine Nachricht - es sei denn, es heißt Apple.
  3. (3) Journalisten denken in Überschriften: Marken- und Unternehmensnamen haben da nur am Rande etwas zu suchen. Im Fokus der Berichterstattung steht stets der Informationswert. Sie dienen also nicht dem Unternehmen, sondern dem Leser.
  4. (4) Pressemittelungen können ein Kanal sein, um Informationen zu verbreiten. Nichts ist jedoch wichtiger, eindrucksvoller und nachhaltiger als ein persönliches Gespräch mit dem Gründer, CEO oder dem Pressesprecher.
  5. (5) Und der individuelle Kontakt bringt gleich noch ein wichtiges Thema für den Journalismus auf den Punkt: Exklusivität. Wer etwas Spannendes zu berichten hat, biete dieses vor dem Aussand seinen wichtigsten Kontakten an. Das bedeutet nicht, dass man eine News Mehreren gleichzeitig anbietet, sondern dezidiert eine Reaktion abwartet und gegebenenfalls bei Absage einen weiteren Journalisten fragt.
  6. (6) Beachtet das Zeitfenster eines Journalisten: Er sitzt nicht da und wartet, bis Ihr anruft. Er hat eine volle Inbox, ein Telefon, das ständig klingelt, ein Redaktionsmeeting (meist Vormittags), auf dem er Vorschläge und Ergebnisse präsentieren muss oder Themen aufnehmen, die die Redaktionsplanung vorsieht und einen Chefredakteur, der wegen des Redaktionsschlusses im Dreieck springt.
  7. (7) Weniger ist mehr: Sorgfältig selektierte Verteiler sind weitaus effizienter als umfangreiche. Schlimmer, als ein Medium zu vergessen, ist es, das falsche Ressort oder gar ein komplett unpassendes Zielmedium zu adressieren.
  8. (8) Hartnäckigkeit gehört manchmal zum Berufsalltag eines PRlers, sollte aber nicht in Nervigkeit ausarten. Ein Mal nachzufragen ist “ok”, wenn es vorher noch kein klares Nein gab. Im Optimalfall kommt aber der Journalist zu euch, genau dann, wenn Ihr es nicht erwartet.

 

2012 oder: Vernetzung ist auch keine Lösung

Veröffentlicht am 03. Januar 2012 von Mark Pohlmann | Allgemein

Prolog

Meine Vorhersage: 2012 ist das Jahr der “less-is-more” Anwendungen. Und das ist auch bitter nötig.

Man sollte sich im Jahr sieben nach der Erfindung des “Web 2.0″ doch mal fragen, was für einen realen Mehrwert man aus seinen ganzen eifrig genutzten sozialen Diensten zieht. Ohne jetzt die Diskussion lostreten zu wollen, was die Dienste für den einzelnen bedeuten (die einen sagen so, die anderen so) oder für afrikanische Revolutionen getan haben (ich sage nur: “Der Fall der Mauer wäre ohne Twitter gar nicht möglich gewesen”), so muss man schon einmal fragen, was dort überhaupt täglich verhandelt wird. Und siehe da – das Meinungsweb wäre nichts ohne die Medien. Unsere Timelines sind voller Spon, Zeit und SZ-Verweise, die wir auf Holz verhöhnen, aber online gerne und kostenlos unseren Freunden zum Lesen empfehlen.

Aber ich schweife ab. Mir geht es nicht um die Zukunft der Medien, sondern die Zukunft der Schwarmintelligenz. Deren Gehalt nimmt, mit Verlaub, mit wachsenden Gebrauch und zunehmender Vernetzung ab. Die Intelligenz versinkt sozusagen im Schwarm der Masse. Und das, so lautet meine Anklage, haben wir vor allem Facebook und Twitter zu verdanken. Denn vor lauter einchecken, liken und auf-Follower-starren übersehen wir das eigentliche im Social Web.

Der Sinn des Social Web

Das Social Web hilft, sich mit Informationen und Personen so zu verbinden, dass hieraus bessere persönliche Entscheidungen entstehen. (Andere mögen den Sinn anders definieren).

Vernetzung ist allerdings auch keine Lösung. Jedenfalls nicht, wenn sie so wahllos wie derzeit auf Facebook und Twitter geschieht (zuviel unrelevante Kontakte kann man aber auch auf Skype, Foursquare, Linkedin oder sonstwo haben -siehe oben). Auf der Suche nach interessanten Inhalten begegnen wir täglich zu vielen Nichtigkeiten, die uns bestenfalls nichts angehen oder schlimmstenfalls schlicht ablenken. Aufwand und Ergebnis stehen, je besser wir uns vernetzen, in einem immer schlechteren Verhältnis. Der Unterhaltungswert wird höher als der konkrete Nutzen. Es kann nicht die einzige sinnvolle Aufgabe des Social Web sein, uns unterhaltsam abzulenken.

Ich möchte, dass das Social Web effizienter wird. Und dass es aufhört, mich mit Dingen abzulenken, die ich nicht wissen will, wenn ich zu dem vordringen will, was wirklich relevant für *mich* ist.

Effizienz ist die neue Ablenkung

Die Lösung: Mikromärkte. Das hört sich erstmal etwas theoretisch an, soll aber nichts anderes heißen, als dass wir aufhören sollten (und können), uns mit möglichst vielen zu vernetzen und anfangen, uns intelligent zu vernetzen. Weniger ist mehr. Und diese Grenze liegt wahrscheinlich bei 150 Personen. Der Oxford Professor und Evolutionspsychologen Robin Dunbar behauptet, dass 150 Menschen das Maximum an möglichenrealen Kontakten ist, dass das menschliche Gehirn verarbeiten kann.Die Frage ist nur: welche 150 sind wichtig für uns?

Eine Reihe neuer Tools wollen hierbei helfen, das herauszufinden, respektive unterstützen uns bei dem Wunsch, weniger aber gehaltvollere Informationen zu bekommen. Ich verweise nur mal exemplarisch auf path.com und stamped.com. Path definiert sich als “Anti-Facebook”. Statt einen großen Freundeskreis aufzubauen, ist das Netzwerk auf 150 Personen limitiert. Path bezieht sich dabei auf Dunbar. Das Medienecho zeigt, dass hier ein Nerv getroffen ist.

Stamped verfolgt den ehrenwerten Ansatz, langweilige 5-Sterne-Bewertung durch wahre Lieblinge abzulösen. Mit Stamped produziert man weniger, aber bessere Empfehlungen. Beide Anwendungen sind übrigens nur als App erhältlich. Hier zeigt sich, wie die Limitierungen des Systems sich segensreich auf die Konzentration auswirken können.

Ein weiterer sehr sinnvoller Ansatz ist selbstverständlich die Aggregation von Diskussionen, wie sie beispielsweise Curator von Buzzrank anbietet.

Der Buzzrank Curator hilft, interessante & spannende Inhalte im Social Web – z.B. Artikel, Blogpostings, Fotos oder Videos – zu entdecken. Dazu werden aus den Tweets der gut 700 Mitglieder des Curator Panels alle Links extrahiert und für jede verlinkte Webseite der aktuelle BuzzRank ermittelt. So entsteht ein Fluss von aktuell im Social Web viel diskutierten Inhalten. Je wichtiger eine Meldung zum jeweiligen Zeitpunkt ist (je höher also der BuzzRank ist), desto weiter oben erscheint sie. Im Zeitverlauf nimmt der BuzzRank wieder ab, die Nachricht wandert nach unten, neue News erscheinen.

Vorsätze

Zum Abschluss noch meine 5 ganz privaten Vorsätze für mehr Signale und weniger Geräusche aus dem Social Web

  1. Einfach mal entfreunden, wer einem nichts zu sagen hat.
  2. Private und berufliche Kontakte strikter in verschiedene Kanäle trennen. Bei mir: Facebook für die privaten, Twitter für die beruflichen (andere sind da früher drauf gekommen. Mir wird zunehmend zur Last, dass Publisher Tools wie Tweetdeck erlauben, ein Posting simultan auf möglichst vielen Sozialen Netzwerken zu pubzlizieren. So liest man die gleichen Tweets gleich doppelt und dreifach. Ein Fluch.)
  3. Selbst weniger, aber mehr originäres, sprich: selbst Erdachtes publizeren.
  4. Weniger retweeten.
  5. Wieder mehr bloggen (der Evergreen unter den Neujahrsvorsätzen)

In diesem Sinne: euch allen ein tolles Jahr, auf dass es das Eure wird!