Archiv für die Kategorie ‘Medien 1.0’

Hören ist zu langsam

Veröffentlicht am 04. Oktober 2008 von Mark Pohlmann | Medien 1.0

Kathrin Passig hat recht: Informationen zuzuhören ist viel langsamer, als sie lesen zu können. #Ode_an_den_Text

Google News verursacht Kurssturz bei United Airlines

Veröffentlicht am 19. September 2008 von Anna Friedrich | Journalisten, Medien 1.0, Medien 2.0

Die Macht des Internetgiganten Google wirkt sich sogar auf die Marktkapitalisierung von Unternehmen aus. Letzte Woche vermeldete der Newsservice “Google News” den Konkurs von United Airlines – dass die Meldung schon sechs Jahre alt war, wusste zu diesem Zeitpunkt Niemand, zumindest nicht der Chicago Tribune.

Als Reaktion auf diese Konkursmeldung veröffentlichte die Onlineausgabe der Tageszeitung Sun Sentinel einen Artikel – mit verheerenden Auswirkungen. Die Aktie der United Airlines fiel innerhalb von 12 Minuten um 75 Prozent von von 12 auf 4,05 US-Dollar, mehr als eine Milliarde Dollar (!) wurden vernichtet. Und das alles wegen einer Falschmeldung. Denn der Airlinebetreiber hatte keineswegs Konkurs angemeldet. Die Meldung von vor sechs Jahren wurde versehentlich von einem Google-Computerprogramm als neu ausgegeben.

Nachdem der Fehler aufgefallen war, entfernte der Chicago Tribune den Artikel sofort von seiner Seite und entschuldigte sich in einem Pressestatement:

A Chicago Tribune story written in December 2002 regarding the United Airlines bankruptcy filing that year was apparently picked up by an investment advisory and research firm and republished as though it was current, (…) The story was located in the archive section of the Web site of the Sun Sentinel in South Florida. The story contains information that would clearly lead a reader to the conclusion that it was related to events in 2002. In addition, the comments posted along with the story are dated 2002.

Bei der Schuldfrage geht es nicht darum, wer versagt hat. Klar war es ein Fehler, die Konkursmitteilung und darauf aufbauend den Kurssturz nicht näher zu analysieren. Zwischen der Tribune-Gruppe und Google ist ein Streit entfacht. Ein Sprecher von Tribune spricht von der “Unfähigkeit des automatischen Google-Systems” spricht und macht Google für das Auftauchen der Falsch-Nachricht verantwortlich. Google wiederum spielt den Ball zurück und behauptet gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, dass der Artikel eindeutig datiert gewesen sei, da er sonst nicht in das Nachrichtenangebot aufgenommen worden wäre.

Aber, das Problem ist doch ein ganz anderes. Nämlich, wer macht die News? Mensch oder Maschine? Thomas Schuler von der Süddeutschen Zeitung schreibt hierzu:

Niemand kontrollierte und hinterfragte die Aktualisierung. Die Aktie wurde für einige Stunden aus dem Handel genommen. Bis zum Abend war sie stabilisiert, die Börsenaufsicht SEC kündigte eine Untersuchung an. Damit schien das Problem an der Börse geregelt, nicht aber das Problem des Journalismus.

Woher also nehmen wir die News? Wem schenken wir größeres Vertrauen?

Google News ist nicht verlässlich, weil ein mathematischer Suchalgorithmus fehlbar ist. Ausserdem ist das, was Google uns präsentiert, Mainstream. Bloß, weil es die vielgelesenen Artikel zum Thema sind, kann man nicht darauf vertrauen, dass die Informationen richtig oder wahr sind. Oder sollen wir in diesem Fall der Schwarmintelligenz vertrauen?

Journalisten recherchieren häufig nicht gründlich genug. Das liegt sicherlich auch am Zeitdruck – denn Zeitungen müssen Kosten einsparen. Dass Irren menschlich ist, wissen wir bereits seit Homer. Und der Fall von United Airlines hat die Auswirkungen von “blinder” Akzeptanz der klassichen Nachrichtenberichterstattung einmal mehr unter Beweis gestellt.

In einem Interview mit der SZ nahm John Lloyd, Medienexperte und Direktor am Reuters Institute for the Study of Journalism an der Oxford Universität Stellung zum Verhältnis von Journalisten zu Google News:


Google News” ist derzeit eher unser Feind als Verbündeter. Und zwar weil dort Nachrichten nicht selbst produziert, sondern einfach Anderen weggenommen werden. Dadurch wird die Anziehungskraft derer geschwächt, die fürs Nachrichtensammeln bezahlen müssen. Die stellen Google unfreiwillig ihre Ressourcen zur Verfügung und bekommen nichts zurück.

Immerhin scheint sogar Google selbst sich Sorgen zu machen – spätestens nach der provkanten Veröffentlichung von Nicolas Carr “Is Google making us Stupid?“. Auf einer Konferenz äußerte sich Google-CEO Eric E. Schmidt kürzlich skeptisch gegenüber der Zukunft des Journalismus. Er befürchtet, dass investigativer Journalismus ausstirbt und zwar zusammen mit der Zeitungsindustrie, die einst ihr Verfechter war. Gegenüber der New York Times sagte er, dass Google von qualitativ hochwertigen Inhalten lebt – womit er ja auch recht hat.

Im Informationsdschungel des Netzes geht die Aufmerksamkeit verloren

Veröffentlicht am 23. Juli 2008 von Anna Friedrich | Medien 1.0, Medien 2.0, Web 2.0

Das Internet hat ein Aufmerksamkeitsproblem, so Norbert Bolz gestern in einem Interview mit dem Branchenfernsehen turi2.tv. Deshalb glaubt der Professor der Medienwirtschaft auch nicht daran, dass das Web Printmedien ersetzen wird. Im Gegenteil werden Zeitungen & Co. die Nische für seriöse, anspruchsvolle Medien weiterhin für sich beanspruchen können:

Es wird zu einem Zusammenspiel zwischen internetbasierten Medien und klassischen Printmedien kommen. (…) Der Genuss, den die morgendliche Zeitung bereitet, ist einer, den man nicht gegen Online-Angebote aufrechnen sollte.

Steve Rubel stellt Überlegungen an, die eher gegen rosige Aussichten der Printbranche sprechen: v.a. aus ökologischen Gründen glaubt er, dass sich immer mehr Nutzer sich für Online-Medien entscheiden werden. Nicht umsonst bemühen sich die großen Blätter verstärkt darum, Web 2.0-fähig zu sein.

Trotzdem liefert das Netz zu viele Informationen, die den Nutzer überfordern können. Und sie können die Produktivität senken, wenn man sich als Süchtiger nur noch in Sozialen Netzwerken und Co. “herumtreibt”. Das Filtern von relevanten Informationen im Datenjungel ist für die Meisten ein Ding der Unmöglichkeit.

Versucht man, sich auf die Informationsflut voll und ganz einzulassen, so kann man unter Umständen unnötig seine Zeit verbummeln. Nina Simon illustriert treffend, was in einer Web 2.0-Woche realisierbar ist – abhängig davon, wie viel Zeit Einem zur Verfügung steht. Um im Netz “verrückt” zu werden, braucht man demnach lange:

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Aus Norbert Bolz’ Sicht stehen Printmedien nicht in Konkurrenz mit dem Internet: aufgrund der unterschiedlichen Formate finde kein Kanibalismus statt. Denn Massenmedien, so der Medienwissenschaftler, können keine Aufmerksamkeit produzieren. Er fordert deshalb:


Online muss ein Appetizer für die Zeitung sein. (…) Die Bequemlichkeit der Lektüre einer gedruckten Zeitung ist durch nichts zu ersetzen.

Kollektiv der Rückgratlosen

Veröffentlicht am 11. Juli 2008 von Mark Pohlmann | Journalisten, Medien 1.0

Dringende Leseempfehlung! Der Ex-MAX-Chefredakteur Christian Krug rechnet im Spiegel mit dem Modejournalismus ab.


Modejournalismus ist eine absurde Medienart, die mit kritischer Unabhängigkeit so viel gemein hat wie Rudis Reste Rampe mit Prada. Der Zirkus wird dominiert von einer Handvoll Konzerne, die sich der Macht ihrer Werbemillionen durchaus bewusst sind. Weiterlesen….

Journalisten schreiben voneinander ab

Veröffentlicht am 24. Juni 2008 von Mark Pohlmann | Medien 1.0

Wie war das nochmal? Blogger sind keine Journalisten? Stimmt. Aber Journalisten arbeiten zunehmend wie Blogger, denn sie nutzen zu oft Sekundärquellen, sprich: das Internet. Und hier sind es dann wieder die alten Bekannten: Andere Medien. Und Google. Haben wir es nicht immer schon gewußt? Jetzt weiß es auch eine Studie der Landesanstalt für Medien NRW.

Journalisten greifen bei ihrer Recherche im Netz vornehmlich auf andere journalistische Erzeugnisse zurück anstatt auf Primärquellen wie etwa Websites von politischen, wissenschaftlichen oder kulturellen Einrichtungen. Eine Überprüfung von Online-Quellen findet nur selten statt.

Google kanalisiert bei professionellen Kommunikatoren die Aufmerksamkeit.

Das Telefon ist nach wie vor das wichtigste Rechercheinstrument der Journalisten. Doch gerade bei der Ermittlung von Zusatzquellen – wenn Journalisten also das auf ihren Schreibtisch eingehende Material erweitern wollen – kommen die Suchmaschinen im Internet zum Einsatz. Und hier dominiert auch bei den Medienschaffenden eindeutig Google den Markt. Wer bei Google beispielsweise zu einem aktuellen journalistischen Thema als Experte unter den ersten zehn Treffern gelistet wird, hat größte Chancen, wiederum von Journalisten interviewt zu werden.

Anzeigenkrise in Frankreich

Veröffentlicht am 14. Februar 2008 von Mark Pohlmann | Medien 1.0

“Für die Werbung sind Tageszeitungen kein lukratives Medium mehr.”

Generaldirektor des Figaro, Francis Morel.
Quelle: FR. Gefunden bei Turi2.

Verlagshumor

Veröffentlicht am 11. Februar 2008 von Mark Pohlmann | Medien 1.0

“Wir sind stehend K.O. Aber zum Umfallen sind unsere Renditen zu gut”

Das Ende eines Experimentes: Drei Monate SZ

Veröffentlicht am 10. Februar 2008 von Mark Pohlmann | Medien 1.0

Seitdem es Zeitungen gibt, gibt es empörte Abonnenten, die wegen Anlässen, die anderen auf ewig verborgen bleiben, empört kündigen, nicht ohne vorher nochmal richtig beleidigt durch die Gegend zu wettern. Ich habe vor drei Monaten mit der FAZ gebrochen, als sie mit einem nicht ungeschriebenen, aber vielzitierten Gesetz brach: Keine Bilder auf Seite eins. Damit, und mit ein paar anderen Details, die mit diesem Tabubruch einhergingen, endete für mich eine rund fünfzehnjährige unverbrüchliche Treue zu “Deutschlands führender Tageszeitung” (die sie schon längst nicht mehr ist). Ich schrieb keinen Leserbrief, ich bloggte. Und kündigte.

Es war mehr als dieses dusselige Bild, das mich enttäuschte. Aber schon das: Haben wir nicht genug Bilder, und zwar überall? Und gleich das erste, am ersten Tag des Tabubruchs: ein zehn Jahre altes Portrait des verstorbenen Walter Kempowski. Schlechter hätte man die bebilderte Sinnlosigkeit nicht exekutieren können. Ein Bild eines Lebenden als Erinnerung an einen Toten, so wie jeder bei Google es hätte hundertfach finden können. Es gibt, so sprach das Bild, keinen Grund für den Abdruck, keine Aussage, außer der, dass es auch alle anderen tun. Die Angst vor der sinkenden Auflage. Angst vor Reichweitenverlust war der Motor für den Relaunch. Mutlosigkeit das Ergebnis. Sein Symbol: Das Bild auf Seite 1.

Verändert wurde mehr als das Bild auf Seite eins. Die neue FAZ hat nun einen lichteren Satzspiegel, größeren Zeilenabstand und bekämpft die unterstellte Bleischwere des alten Blattes insgesamt sehr erfolgreich. Ja super, sowas wie die Welt gibt es schon, die muß man nicht nochmal neu erfinden, erst recht nicht von Frankfurt aus. Der Relaunch gibt gefühlte 20 Prozent des Inhalts zugunsten der Ästhetik des Zeitgeistes auf. Ein schlechter Deal.

Jetzt also die SZ. Wenigstens drei Monate, denn solange ging das Probeabo, das ich nicht verlängern werde. Wie waren die 90 Tage also in der süddeutschen Diaspora?

Um es kurz zu machen: Ich kann nichts schlechtes sagen. Begeistert hat es mich trotzdem nicht, was aber wohl eher mir als der Zeitung zuzuschreiben ist.

Neben dem sichtbar chaotischeren, wahrscheinlich liebenswerten Layout der Zeitung (alleine vier Schrifttypen im Kopf) am auffallendsten ist der sprachliche Unterschied. Die SZ hat einen sehr schönen Sprachstil und ist dazu orthographisch fehlerfreier als die FAZ. Nicht umsonst steht das Streiflicht an erster Stelle. Es setzt die rhetorische Messlatte des ganzen Blattes. Die SZ ist heiter-reflektiert mit menschlich- wie umsichtig verantwortungsvollem Unterton. Man hat studiert bei der SZ. Unglücke aller Art werden gerne und umfassend beschrieben, aber niemals ohne Hinweis auf ihre Ungerechtigkeit. Die SZ kümmert sich gerne um Menschen aus der zweiten Reihe. Gefallene Helden. Menschen, die nicht klagen, sondern machen. Toll sind das SZ-Magazin am Freitag und die New-York-Times-Kurzausgabe am Montag. Während die Themenauswahl des Feuilletons insgesamt erfrischte, kann der Wirtschaftsteil nur schwer als solcher bezeichnet werden. Angeblich hat die SZ diesen gerade überarbeitet, was ich aber nicht gemerkt habe. Zu stark wendet man sich hier an den privaten Konsumenten statt an die Wirtschaftswelt.

Als Hamburger erschwerend für den Genuß der SZ kommt die regionale Einfärbung der Münchner Lokalzeitung hinzu. Geradezu Sünde ist es, die SZ auch hier oben mit dem dortigen Lokalteil auszuliefern. Und nach drei Monaten SZ glaube auch ich, dass es nur einen Fußballverein mit Bedeutung gibt. Bayern München. Wen sonst.

Wahrscheinlich bin ich aber nur ungerecht und von der FAZ falsch erzogen. Ich werde trotzdem zurück. Nicht weil sie die bessere Zeitung ist. Sondern die vertrautere. Ich habe es nicht besser verdient.

Der Kampf gegen die eigenen Leser

Veröffentlicht am 12. Dezember 2007 von Mark Pohlmann | Medien 1.0

Interessant, wie sich Süddeutsche und FAZ die Bälle gegenseitig zuspielen, um sich gegen den Meinungsmob aus dem Internet zu positionieren. Nachdem Schirrmacher sich zuende aufgeregt hatte, kam am Wochenende Bernd Graff um die Ecke gebogen, in dem er sich Sorgen um das Medium an sich und die Menschheit im allgemeinen machte, weil das Internet zu einem “Debattierclub” verkomme. Er kann argumentieren, wie er will, mir zeigt er nur sein Unverständnis für die sich verändernde Medienlandschaft, die aus einer vermeintlichen Position der Stärke daherkommt, weil die SZ in letzter Zeit an Auflage gewinnt. So schnell am Ende sind wir noch lange nicht! höre ich da aus seiner stolzgeschwellten Brust. Egal, lest den Artikel, ich kann mich nicht mehr ausreichend aufregen, sondern an dieser Stelle nur beschließen, das SZ Probeabo nach drei Monaten nicht zu verlängen.

Die Verlage sollten beginnen darüber nachzudenken, dass sie mehr Leser online als offline haben. Zwei von drei in Deutschland angesteuerten Webseiten bieten mittlerweile die Möglichkeit zur Partizipation, jeder gottverdammte Online-Nachrichtendienst bietet Kommentare an. Wer diese Form der Anteilnahme nicht möchte, soll sie schließen, aber nicht, wie FAZ und SZ, es anbieten und selbst öffentlich darüber zetern. Diese Verlage wünschen sich wahrscheinlich genauso andere Leser wie Politiker bessere Wähler.

Zurück zur FAZ. Die antwortet auf die Graffschen Attacken ambitioniert, wie ich finde:

In Blogs mag jeder meinen, denken, toben, lästern, so wie am Tresen oder zu Hause. Mit den Massenmedien selber ist aber ein ganzes System entstanden, das beanspruchte, die öffentliche Meinung selbst zu pflegen. Und die Journalisten wurden zur ersten Berufsgruppe, die beanspruchte, aus der Rolle des Publikums selber einen Beruf zu machen. Zuvor bestand das Publikum aus Laien, jetzt sollte es professionelle Laien geben. Kein Wunder, dass daran sofort Kritik geübt wurde, vor allem die, der Journalist ermittle und verdichte die öffentliche Meinung weniger, als dass er sie selber mache.

Dennoch macht auch Jürgen Kaube wie noch alle anderen Journalisten den fundamentalen Fehler, zu denken, dass alle Meinungsaktiven sich als Gegenentwurf zum Journalismus sehen. Dies kennzeichnet die medieneigene Paranoia vor den Mitmachmedien auf das vortrefflichste: Dass es gegen sie geht, nur weil sie nicht davon profitieren. In Wirklichkeit habe ich noch nicht einen getroffen, der denkt, dass mit seinem Blog, mit seinen Kommentaren die Medienöffentlichkeit in Gefahr steht. Niemand will das, niemand behauptet das. Nur von Journalisten selbst wird dieses Feindbild gepflegt. Hören wir auf mit solchen Albernheiten.

Dies ist umso absurder, als dass die Blogosphere in Deutschland so unterentwickelt ist wie kaum in einem anderen Land. Das hat auch seinen Grund darin, dass es hier eine starke Medienlandschaft gibt. Die Notwendigkeit zur Gegenöffentlichkeit ist da, aber nicht so drängend wie in vielen anderen, medial viel ärmeren Regionen.

Die Wahrheit ist, dass Meinungen um ihrer selbst Willen publiziert werden. Weil die eigene Sicht der Dinge nunmal nicht unbedingt ein Korrektiv, aber eine Ergänzung zum bestehenden Meinungsbild ist. Es ist ganz trivial. Wer eine Meinung hat, geht ins Internet und publiziert sie da. Warum? Weil wir es hier können.

FAZ Relaunch

Veröffentlicht am 21. November 2007 von Mark Pohlmann | Medien 1.0

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In kurzen Worten: FAZ.net findet Gefallen am derzeitigen Zeitgeschmack, wie ihn Spiegel Online prägt und an dem sich auch Focus, Stern, sueddeutsche sowie DerWesten orientieren. Und mir gefällt er auch, weil Ästhetik UND Funktionalität damit auf der Höhe der Zeit sind. Wer allerdings Erwartungen in Richtung Web 2.0 und Partizipation hatte, wird enttäuscht. Die FAZ bleibt online das, was sie auch im Print ist: Ein Nachrichten- und kein Kommuniktionsmedium. Aber der Reihe nach.

Strukturell hat sich viel verbessert. Das Wichtigste: Die Site ist jetzt 1.000 Pixel breit und zweispaltig. Die alte Version, die lange Zeit sehr modern war, war es durch ihre Dreispaltigkeit und 800 Pixelbreite aber dann irgendwann doch nicht mehr. Weil jetzt mehr Platz ist, sind die Weißräume schöner aufgeteilt. Noch besser als die Home gefallen mir dabei die Unterseiten. Klar ist aber auch – wie im Print: Mehr weiß heißt weniger Inhalt pro Quadratzentimeter. FAZ.net wird wie das Printprodukt schon immer feuilletonistischer, gefälliger. Seiten für Newsjunkies sehen anders aus.

Die obere Navigation ist jetzt zweizeilig, die vier wichtigen Ressorts oben und die weniger wichtigen eine Zeile darunter. Das finde ich keine wirkliche Verbesserung, aber da braucht man vielleicht auch nur ein paar Takte, um reinzukommen. Es gibt jetzt rechts wie im Blatt immer einen Kommentar, ja, richtig, auch hier ohne Fraktur. Alle Artikel und Ressorts werden über die volle redaktionelle Breite angeteasert, aufgelockert durch mehrspaltige Teaser für Videos und Bilderstrecken. Das ist Standard, aber ein schöner. Scrollen gehört zum Nachrichtengeschäft. Die Zeiten, in denen sich alles auf 800×600 Pixeln abspielen sollte, sind längst vorbei.

Funktional hat sich nicht allzuviel getan. Durch die Rubrikenüberschriften kann man sich schon auf der Home durchklicken. Das ist eine nette Idee. Und man kann die Nachrichtenfolge wohl personalisieren, mir ist intuitiv jedoch nicht klar geworden, wie. Deswegen habe ich es auch nicht gemacht. Personalisierung ist ja ein ganz altes 90er-Jahre-Thema von Nachrichtenportalen, bislang hat sich aber noch nichts durchsetzen können. Und auch die FAZ wirkt mir jetzt nicht so, als wenn sie da neue Standards setzen würde. Personalisierung muss man wohl vorerst Anbietern wie iGoogle oder Pageflakes überlassen. Angeblich sind da jetzt auch Leserkommentare auf der Homepage, ich konnte keine finden. Ok, da ist ein Kasten links. Aber hey, da gehören sie eben nicht hin, sondern direkt unter den entsprechenden Artikel. Und es gibt einen Nachrichtenticker, der aber unsinnigerweise erst nach Scrollen sichtbar wird.

Die Dauerumfragen auf der rechten Seite wurden behalten: Erst kommt ein riesiger Eigenwerbebanner und dann eine Frage wie: “Edeka will die ganze Nacht lang öffnen. Wie finden Sie das?” Ich finde schon die Frage doof.

Wirklich lästig: die FAZ ist die einzige Site, die es schafft, regelmäßig meinen Pop-up-Blocker zu überwinden. Wer seinen Leser zwingt, seinen Schreibtisch nach dem Besuch der Website von Bannern für Zeitschriftenabos aufzuräumen, verbessert die Leserbindung nicht zwingend. Klar ist aber auch: Es muss Geld verdient werden. Warum dann allerdings so wenig Werbung zu sehen ist? Bei meinem letzten Besuch war kein einziger Banner auf der Homepge zu sehen. Verdächtig. Dass da Usability-Gründe eine Rolle gespielt haben können, mag ich ja nicht so richtig glauben.

Insgesamt eine grundsolide Erneuerung in die richtige Richtung. So sieht klassischer Journalismus heute eben aus. An Sachen wie Leserpartizipation oder neue Angriffe in Sachen Diskursqualität hat man aber nicht gedacht und gedenkt es auch nicht zu tun:

Perspektivisch

Mit neuen Formaten, mehr Multimedia-Anwendungen und einer deutlich verstärkten Internetredaktion bieten wir den Nutzern künftig eine noch bessere Orientierung in der anschwellenden Nachrichtenflut.

Soso. Leser sind also Nutzer im dauernden Kampf mit der Nachrichtenflut. Wenn das die selbst auferlegte Kernverpflichtung der FAZ für ihr Internetengagement umschreibt, dann darf ich mir an dieser Stelle Sorgen machen, dass die inhaltliche Konzeption der FAZ schneller veralten wird als ihr Layout.