Der Ölgigant BP kann weder das Meer, noch sich selbst vor Problemen retten. Mit jedem der hundertausend Liter Öl, die seit einem Monat minütlich in den Golf von Mexiko strömen, verschlechtert sich der Ruf des Konzerns dramatisch. Eine logische Konsequenz auf den Verursacher einer der schlimmsten Umweltkatastrophen, die die Welt gesehen hat.
Des Einen Leid ist jedoch des Anderen Freud. Unter dem Namen BPGlobalPR entpuppt sich ein Twitterer als sarkastischer BP-Kritiker. Mit subtiler Ironie mischt er, meist unter den Hashtag bpcares, die Webgemeinde auf. Und das mit vollem Erfolg: fast 40.000 Follower hat der Fake-Account, während gerade mal 5.600 die echten PR-Tweets von BP America lesen. Sogar T-Shirts bietet der falsche Zwitscherer mittlerweile an. Der lustige Unbekannte versteht es, seinen Profit aus dem Drama zu schlagen.
Für BP birgt ein solches Account Gefahren. Viele halten die Tweets für “echt” und empören sich über die humorvolle Stimmung in der ausweglosen Situation. Die Macht des falschen Absenders macht deutlich, dass Unternehmen ihre Botschaften in sozialen Netzwerken nur schwer kontrollieren können. Der nüchterne Kommentar eines BP-Sprechers gegenüber dem Wallstreet Journal zeigt, dass der Konzern kaum Aktivismus und noch weniger Social Media Kompetenz besitzt:
Was unternehmt ihr “gegen” den Twitterer? Könnt ihr ihn für euch aktivieren oder wenigstens auf ihn reagieren? Auch den Begriff PR scheint BP missverstanden zu haben. Die Tourismus-Industrie in den betroffenen US-Staaten Alabama, Mississippi and Florida ist seit der Katastrophe quasi tod. Deshalb dachte sich der Konzern, er müsse sich seinen guten Ruf durch verdeckte PR-Kampagnen erkaufen.
So drehte man einen TV-Spot namens “Love to See Ya!“, der die sauberen Strände und die Verfügbarkeit von frischen Meeresfrüchten verherrlicht. Selbstverständlich wird der produzierende Geldgeber BP mit keinem Wort erwähnt. Aber kommt noch schlimmer: BP händigte seinen Mitarbeitern vor Ort Blankoschecks aus, damit diese negative Kommentare unterlassen bzw. verwischen (Quelle: AdAge).
Auf Druck der US-Regierung und der Bevölkerung hin wird jetzt das riskante “Top Kill” sowie die Tests hierzu live übertragen. Die Maßnahme ist der Versuch, die Öl-Teppiche mit Tonnen von Schlamm auszulöschen. Vielleicht denken sich die Kunden von BP bzw. hierzulande auch Aral in ein paar Jahren: “Schlamm drüber”?
Der Konsumgüterriese Procter&Gamble sorgt aktuell für großes Aufsehen in der Webszene. Wie ein Lauffeuer verbreiten wütende Eltern in Blogs, sozialen Netzwerken und Foren seit kurzem, dass die Windelserie mit der “Dry-Max-Technologie” Verätzungen und Ausschläge bei ihren Babys verursachen. Knapp 10.000 Mitglieder hat die Facebook-Gruppe Pampers bring back the OLD CRUISERS/SWADDLERS innerhalb von weniger als einer Woche. Auch in den anderen Gruppen machen Mamas ihrem Ärger über den Konsumgütergiganten Luft und fordern den Rückruf dieser Schwindel-Windeln.
Wer im Glashaus sitzt, sollte allerdings nicht mit Steinen werfen. P&G greift mit seiner Reaktion am 6. Mai völlig daneben: Die Vorwürfe der Tausenden von Mamas seien schlichtweg falsch und nicht nachweisbar, so das offizielle Statement. Damit initiiert der Konzern den Krieg gegen die Mommy-Blogger und zeigt, wie inkompetent er in Social Media Fragen ist.
Konsumenten, die sich online selbst organisieren, sind mächtiger denn je. Einen Kampf nach dem Motto “Einer gegen alle?” mit der eigenen Fangemeinde einzugehen, verspricht Rufschäden par excellence. Das schlichte Verleugnen des Problems, entsetzt die Eltern und zerstört ihr jahrelanges Vertrauen in die Marke Pampers. Auch Joanna Ravlin Dye fühlt sich als eine von Tausenden veräppelt und missverstanden:
Was hätte das Konsumgüterimperium tun sollen, um seine KundInnen zu besänftigen? Richtig gewesen wäre eine proaktive und direkte Antwort auf den ersten CNN Bericht gewesen – nicht 28 Stunden später. Wenn es noch keine Lösung für das Problem gibt, so kann P&G zumindest ankündigen, dass man sich kümmert und bis zu einem bestimmten Datum eine öffentliche Erklärung abgibt. Wichtig für die Konsumenten ist zunächst die Botschaft: “Wir hören euch zu und nehmen euch ernst.”
Inhaltlich hätte P&G Verständnis für die besorgten Mütter kommunizieren müssen. Unabhängig von Studienergebnissen muss man den “Feind” besänftigen und ins eigene Boot überführen: “Liebe Kunden, es tut uns leid, ihr habt recht und wir reagieren, indem wir das Produkt vom Markt nehmen.” Stattdessen ging das börsennotierte US-Unternehmen von Anfang an mit seiner Argumentation in die Defensive. Die Situation wurde herunter gespielt mit der Aussage, es seien nur einige wenige Eltern betroffen.
Positiv hätte sich auch der persönliche Kontakt mit den Betroffenen ausgewirkt – Interviews, Events, Telefonate… Hat ein aufgebrachter Kunde die Möglichkeit, direkt mit den Mitarbeitern zu sprechen, fühlt sich gleich viel besser. Um plausibel zu wirken, schickt das Unternehmen lieber Sprecherinnen mit Doktortitel auf YouTube. So unterstellt Dr. Kimberly Thompson von Kids Risk Inc. (vermutlich Partner von P&G) auf YouTube, dass die Eltern sich auf Facebook und Co. nur gegenseitig pushen und dadurch eine falsche Wahrnehmung der Wirkungsweise der Dry Max Pampers entsteht. Die Anzahl der Ausschläge sei auch beim alten Produkt gleich häufig. Ein weiteres virales Video liefert Expertinnen, die gänzlich abstreiten, dass ein Baby aufgrund einer bestimmten Windel wund wird.
Der Konzern springt auf das falsche Schiff und verpasst es zudem, die komplette Social Media Klaviatur zu spielen. Die P&G Marketiers platzieren die Videos nur auf dem YouTube-Kanal? Die Konsumenten dagegen beschweren sich in Blogs und Facebook-Gruppen und wollen auch genau dort eine Reaktion des “Gegners”! Eine Marke muss dort sein, wo ihre Zielgruppe ist. Zumindest so viel sollte auch in einem traditionellen Konzern wie P&G bekannt sein.
Denn was, liebes Consumer Relations-Team, bringt es euch, wenn ihr sachlich recht behaltet, eure Kunden jedoch von euren Produkten nichts mehr wissen wollen?
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26. April 2010
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Anna Friedrich
Letzten Donnerstag schaffte es Blippy, in zwei New York Times Artikeln erwähnt zu werden. Auf der in USA gehypten Social Shopping Plattform kann man seine Freunde an den eigenen Einkaufsaktivitäten online teilhaben lassen. Bei Datenschützern stellen sich die Nackenhaare auf und dennoch ist die brandneue Community, die erst im Januar ihre Beta-Phase beendete, jenseits des großen Teiches der letzte Schrei.
Gleich zwei Clippings in einem der reichweitenstärksten Online-Medien – besser könnte es gar nicht laufen. Blöd nur, dass einen Tag später Kreditkarteninformationen direkt bei Google auffindbar waren. Und alle US-Technik-Blogs berichteten entsprechend böse.
Blippy’s Reaktion via Blog: der Fehler sei schon länger bekannt und die 196 (!) Fundstellen bei Google beträfen lediglich vier Nutzer aus der Betaversion. Die erste Reaktion von Co-Founder & CEO Ashvin Kumar:
Seit heute gibt es dann noch eine ausführliche Erklärung über die Daten-Katastrophe. Neben dem “Blah Blah” über die Geschehnisse liefert Kumar Lösungsansätze. Blippys Reaktion zeigt aber, wie unvorbereitet man war. Die Negativ-PR war unnötig und hat eventuell so einige (potentielle) Usern verprellt.
Das Startup ist nicht das einzige Jungunternehmen, das schlecht auf Krisensituationen vorbereitet ist. Jacob Morgen illustriert, wie wichtig es ist, beides, eine Micro- und eine Macro-Antwort zu liefern. Nur so werden sowohl Einzelpersonen als auch die breite Öffentlichkeit angesprochen. Auf der Microebene soll das Unternehmen die Betroffenen direkt angehen, sei es via Twitter, Email oder Telefon. Übergeordnet wird ein öffentliches Posting und ggf. Medien-Interviews die gesamte Nutzerschaft adressiert.
Umgehend ein Statement zum Vorfall veröffentlichen.
Eine ausführliche Schilderung anbieten.
Deutliche und prägnante Formulierung der Situation.
Den Fehler und die eigene Schuld eingestehen und sich dafür entschuldigen.
Wer die Probleme einfach verdeckt in der Hoffnung, es falle nicht auf, verspielt sich leicht das Vertrauen seiner Kunden. Glaubhaft ist nur, wer offen über Schwierigkeiten spricht – das gilt für Unternehmen genauso wie für Privatpersonen oder solche, die in der Öffentlichkeit stehen.
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19. April 2010
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Anna Friedrich
Er nennt es das German Privacy Paradox. Jeff Jarvis analysiert das deutsche Phänomen, dass wir ungeniert in die gemischte Sauna und an den FKK-Strand gehen, aber online mehr als verklemmt sind:
Der WWGD-Populist fragt sich, wo der Unterschied zwischen der eigenen Nacktheit “offline” und “online” ist (hier sein Vortrag auf der republica). Wer nackt in einem Schwitzkasten sitzt, sollte auch keine Probleme haben, im Internet offen mit den eigenen Informationen umzugehen. Doch die deutschen Kontrollfreaks halten von Transparenz im Internet wenig. Wir kämpfen gegen Google Streetview, Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner legt sich mit dem Facebook-Chef persönlich an und überhaupt geben wir uns im Internet eher verklemmt gegenüber den Amerikanern.
„Wir müssen die Öffentlichkeit verteidigen, nicht die Privatsphäre“. Wer sich nicht für seine Körperteile schämt, so Jarvis’ Theorie, kann auch unverblümt peinliche Fotos von sich ins Netz stellen können. Je mehr Menschen Daten zu sich selbst Preis geben, desto mehr verwischt unsere eigene Definition von Peinlichkeit und wir werden toleranter gegenüber Dingen, die nur menschlich sind. Jarvis ist äußerst optimistisch und glaubt, dass in wenigen Jahren Personalchefs peinliche Fotos ignorieren werden und alle Journalisten auch Blogger sind. Er fordert, dass Transparenz in unserer Gesellschaft Standard wird, auch für Unternehmen:
Das Internet ist kein Medium, so Jarvis, es ist ein Treffpunkt, an dem sich Menschen verbinden. Bedingung zur Vernetzung ist aber das Teilen von Informationen – wer sich nicht öffnet, gehört nicht dazu. Transparenz mit eigenen Erlebnissen erweitert den eigenen Horizont - Jarvis weiß wovon er spricht. Indem er öffentlich auf Buzzmachine über seine Erkrankung an Prostatakrebs schrieb, profitierte er vom Feedback der anderen und gewann an Erkenntnis und Anerkennung.
Aber interessieren mich denn die Krankheiten, Kommentare, Befindlichkeiten und wilden Fotos von anderen? Wohin soll denn dieser Exhibitionismus führen? Jarvis appelliert zu mehr Offenheit, mahnt aber gleichzeitig, dass das nur zu einer Verblödung der Webinhalte à la Idiocracy beiträgt, wenn wir uns entsprechend verhalten:
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1. April 2010
von
Anna Friedrich
Die Studie “The Influencer: A Consumer Voice with Legs” (PDF) belegt jetzt erneut die, wie effektiv Word-of-Mouth (WOM) ist. Epsilon Targeting, nach eigenen Angaben ein führender Dienstleister für “consumer information for targeted solutions”, befragte hierzu 7000 amerikanische und kanadische Konsumenten.
Dass Fans perfekte Markenbotschafter sind, ist nicht neu. Die Typologie dieses “Influencers” muss aber verstanden, so Gillian MacPherson von Epsilon:
Laut Untersuchung existieren die Botschafter lediglich innerhalb besitmmter Produktkategorien und nicht produktübergreifend. Insgesamt kann man “Influencer” nicht in bestimmte demografische Gruppe einordnen: sie stammen aus allen Altersklassen, sind unabhängig von Geschlecht, Einkommen und gebrauchen unterschiedliche Kommunikationskanäle.
Sie haben das Bedürfnis, mit anderen über Produkte, Dienstleistungen und Ereignisse zu sprechen und bevorzugen persönliche Gespräche – offline. Zahlreiche Studien belegen, dass 90 Prozent von WOM-Aktivitäten tatsächlich live und in Farbe oder per Telefon weitergetragen werden (z.B. Keller Fay, 2008). Während die Konversionsrate bei klassischen Marketingkampagnen gerade mal bei rund 12 Prozent liegt, schafft es Mundpropaganda auf 80 bis 90 Prozent (via Gary Vaynerchuck).
Mundpropaganda ist der Weg, um viel Wirkung mit relativ wenig Aufwand zu erzielen. Aber Marketiers müssen also ihre Multiplikatoren verstehen. Die Marken-Advokaten sind offen für “volksnahe”, simple Inhalte, auch exklusiv und per Newsletter. Dann tragen sie die Botschaft an ihre Freunde weiter.
Zwar findet der erste WOM-Prozess eher offline statt. Social Media Aktivitäten auf Facebook und Co. sind dennoch wirksam, um die neu generierten Fans (rechts ganz unten im Bild) weiterhin zu involvieren. Über eine Facebook-Seite bewies der Hersteller und Entwickler neofonie die Viralität seiner Botschaft. Eine breitangelegte Guerilla-Kampagne à la Apple hätte in diesem Fall wohl kaum funktioniert. Die Rechnung von Markenpräsenzen auf dem Größten deutschen Netzwerk (8,5 Millionen Nutzer allein in Deutschland) geht anscheinend auch auf. Zumindest sind amerikanische Facebook-Fans eher geneigt, zu kaufen, wenn sie im Sozialen Netzwerk mit der Marke connected sind, wie emarketer verkündet:
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22. Juli 2009
von
Anna Friedrich
Soziale Medien verändern den Weg zur Kaufentscheidung. Wer sich über ein Produkt informiert, legt Wert auf die Empfehlungen anderer. Dieser Film veranschaulicht, wie ein Konsument “tickt”, wenn er sich für eine Marke interessiert und sich zum Kauf entscheidet. So wird ein zufriedener Kunde ganz leicht selbst zum Markenbotschafter:
Mehr zum Thema Produktsuche im Netz gibt es im Themenblog-Artikel Wer findet, der sucht.
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15. August 2008
von
Mark Pohlmann
Menschen ohne eigenes Netzwerk empfinden Communities als Zeitverschwendung, weil sie sich nicht die Zeit nehmen, eines aufzubauen. Jüngstes Beispiel: Friedhelm Weidelich, Autor eines großen Xing-Selbstversuches für die FAZ, fand nur mit Blessuren der Nichtbeachtung wieder heraus.
Nun, vielleicht ist Xing auch nicht die beste aller Communities, um Geschäftskontakte zu knüpfen, ist es doch eher für seine Qualitäten als digitales Adressbuch bekannt. Aber das ist ein anderes Thema. Das Fazit des Autoren:
Das Web-2.0-Konstrukt Xing, glauben wir, hat die besten Zeiten schon hinter sich. Aus unserer Sicht ist es ein unterhaltsames Panoptikum für alle Themen der Welt, ein vielseitiges Flirt- und Hobby-Forum, in dem man Freund und Lebenspartner finden kann. Für berufliche Zwecke erscheint uns Xing kaum geeignet, denn Kontrakte und Kontakte machen wir immer noch persönlich und am Telefon. Daran hat auch Web 2.0 nichts geändert. Die virtuelle Gemeinschaft vermittelt nur das Gefühl, ein wenig näher am Geschäft zu sein. Das Gegenteil ist der Fall. Den ganzen Artikel lesen.
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15. November 2007
von
Mark Pohlmann
Kommunikatoren wandeln zwischen den Welten. Sie vermitteln zwischen Interessengruppen, wecken Verständnis. Und Neugierde. Als ein solcher Mediator bin ich derzeit viel auf Kongressen und sehe anderen beim Ringen um den Sinn partizipativer Medien zu.
Doch die Diskussionen ändern sich. Während wir noch vor 12 Monaten alle vereint am Steg saßen und staunend die Möglichkeiten bewunderten, die sich da dunstig am Horizont bildeten, sind die einen längst in ihren kleinen Booten aufgebrochen. Die anderen blieben zurück und hadern seitdem damit, auf welcher Seite des Ozeans das Gras grüner ist.
Genauso spielen sich auch die Diskussionen auf den Konferenzen ab. Während auf Veranstaltungen wie den Medientagen München vor allem die Rechtfertigung im Vordergrund steht, warum es richtig ist, nicht jetzt schon aufzubrechen, dazu noch in so kleinen Booten und wahrscheinlich ohne Ahnung, in welche Richtung es zu paddeln gilt, beginnen die, die auf Kongressen wie der Sime in Stockholm (auf dem ich derzeit gerade weile) rumschippern, die Zurückgebliebenen zu vergessen. Die Tektonik der Kommunikation verändert sich. Nicht nur für die, die sich auf das Neue einlassen. Es findet ein Kontinentaldrift statt, den die nicht merken, die auf der wegtreibenden Platte stehen.
Die Auswirkungen sind verheerend. Denn wir hören in diesen Tagen auf, die selbe Sprache zu sprechen. Während in den wankenden Booten gestaunt wird, wie gut Wikipedia schon ist, wird an Land vor allem wahrgenommen, wie riskant es ist. Nicht nur die Wirtschaft selbst spaltet sich in digitale und analoge Apologeten. Auch die Kommunikationswirtschaft spaltet sich in zwei Lager: Die einen begreifen die durch die Digitalisierung entstandene Partizipation an der Ressource Aufmerksamkeit als Chance, die anderen als Krise. So einfach ist das. Wir haben Mutige und Ängstliche.
Die Angst führt zu absurden Verweigerungshaltungen, wie die von Agentur-Chef Lars Cords, der seine gesamte Agentur mit einem Denkverbot in Sachen Mitmach-Medien belegt hat (“99,99% des Inhalts im Web 2.0 ist das Ergebnis von egozentrischen Selbstreflektierern und hat das Niveau von Teenager-Tagebüchern” Quelle). Gut, Herr Cords äußert damit nur das, was seine Kunden denken. Die Kunden, die in Reichweite denken und Umsatz von der Kommunikation verlangen.
Diese Menschen übersehen, wie weit die Kunden ihrer Kunden schon sind. Das Mitmachen ist längst Teil des Alltages. Hier ist jeder Kunde Teil der Aufmerksamkeitsökonomie, jeder steht selbst im Mittelpunkt seines eigenen Interesses. Hier sind Menschen die Epizentren, nicht die Unternehmen.
Die Mutigen unter den Kommunikatoren fragen nicht mehr nach dem Nutzen von einzelnen Tools. Die Diskussion dreht sich schon längst nicht mehr um die Frage, ob ein Corporate Blog Sinn macht oder nicht. Wir Kommunikatoren haben heute eine weite Palette unterschiedlichster Technologien zur Verfügung. Jede hat ihre Stärken, ihre Grenzen. Es hängt von den Zielen ab, von der Kultur eines Unternehmens, was wo zum Einsatz kommt. Wir müssen den Kunden folgen, das ist alles. Ob es wirtschaftlich sinnvoll ist, darf gerne bezweifelt werden. Nur die Alternative bietet sich nicht. Denn dort, wo die Unternehmen ihre Instant-Kommunikation plazieren, sind eben keine – oder nicht mehr ausreichend- Kunden.
Thomas Knüwer erzählte jüngst die Geschichte eines Franchise-Unternehmens, das ein internes Wiki einsetzt, in dem alles niedergeschrieben wird, was für die angeschlossenen Händler von Belang ist. Jeder kann alles ändern, auch die Formulierungen der Konditionen, ja, sogar die Konditionen selbst. Das tat die Auszubildende: Sie vereinfachte kurzerhand das Margensystem, und alle fanden es besser danach. Sicher, eine Geschichte, die sich anhört aus 1001 Nacht. Aber diese Geschichten gibt es tausendfach. Alles wird besser, wenn wir miteinander reden.
Twitter ist so ein Ding, das auch niemand verstehen will, der es nicht kennt. Öffentliche Kurznachrichten in der Länge einer SMS, die jeder abonnieren kann. Seitdem ich Twitter nutze, halte ich einen kleinteiligen und alltäglichen Kontakt zu rund 80 Menschen aus meinem Bekanntenkreis. Jeder kann meine “Tweets” lesen und so mitverfolgen, wo ich bin, was ich mache und was ich denke. Derzeit lesen rund 1.500 Personen regelmäßig diesen Blog, knapp 80 verfolgen meine Twitter-Einträge. Sie alle, darunter Journalisten, Kunden und andere Multiplikatoren, interessieren sich aus eigenem Antrieb für meine Themen. Sie werden nicht gezwungen, sie werden nicht bezahlt. Diese Form der Kommunikation ist längst effizienter geworden als das Verfassen einer Mail oder Pressemitteilung. Nur verstehen das die Menschen auf der wunderbar langsam umherdriftenden Kontinentalplatte nicht mehr. Erst wollten sie es nicht verstehen. Nun können sie nicht mehr.